Vertiefung
Vollreduplikation ist die vollständige Wiederholung eines Wortes, Stamms oder einer Wurzel mit grammatischer oder lexikalischer Funktion. Anders als freie rhetorische Wiederholung bildet sie in der jeweiligen Sprache eine Konstruktion, die beispielsweise Pluralität, Verteilung, Intensität, Iteration oder eine besondere lexikalische Bedeutung markieren kann. Was als »vollständig« gilt, bezieht sich auf die sprachlich bestimmte Basis; phonologische Anpassungen können dennoch auftreten. Dieselbe sichtbare Verdopplung bedeutet nicht überall dasselbe, und Übersetzungen wie »sehr« oder »mehrere« erfassen nur den jeweiligen Kontext. Der Begriff zeigt, wie Kopieren zur Formbildung wird: Eine Einheit bleibt erkennbar, tritt ein zweites Mal auf und erzeugt durch geregelte Wiederkehr eine Bedeutung, die das einfache Ausgangswort nicht trägt.
Denkbewegung
1. Eine sprachliche Basis steht zunächst als einzelnes Wort, Stamm oder Wurzel mit ihrer gewöhnlichen Form und Bedeutung bereit. 2. Die gesamte für die Konstruktion relevante Basis wird nach sprachspezifischen Regeln ein zweites Mal realisiert. 3. Die Verdopplung erhält eine grammatische oder lexikalische Funktion wie Verteilung, Wiederholung, Intensität oder Mehrzahl. 4. Die Gegenprobe bestimmt Basis und Funktion und trennt Vollreduplikation von partieller Reduplikation, Versprecher und rhetorischer Wiederholung im Diskurs. 5. Die Basis kehrt als verdoppelte Form zurück, in der Selbigkeit nicht bloß wiederholt, sondern zu einem neuen grammatischen Verhältnis wird.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Morphologie, Phonologie und Typologie bestimmen Basis, Kopierdomäne, Funktion und mögliche Anpassungen. Korpus- und Elizitationsdaten prüfen Produktivität und trennen reguläre Bildung von zitierter Wiederholung.
Beispiel
In einer beschriebenen Sprache markiert die Form nach dem Muster »Haus-Haus« Häuser an verschiedenen Orten; die vollständige Kopie kodiert distributive Mehrzahl statt bloßen Nachdruck.
Gegenbeispiel
»Nein, nein!« wiederholt ein vollständiges Wort im Gespräch, kann aber reine Epizeuxis sein. Ohne sprachsystematische morphologische oder lexikalische Funktion liegt keine Vollreduplikation vor.
Abgrenzung
Von partieller Reduplikation, Gemination einzelner Segmente, Iteration als Bedeutungsfunktion, Epizeuxis und zufälliger Doppelung unterscheiden. Entscheidend sind vollständige Basiswiederholung und konventionalisierte Funktion.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Vollreduplikation macht Wiederkehr zu Grammatik, erhöht formale Salienz und kann Anzahl, Verteilung, Dauer oder Intensität in einer unmittelbar wahrnehmbaren Struktur kodieren.
Resonanz
Eine Form begegnet ihrer eigenen Gestalt erneut; aus der doppelten Präsenz entsteht nicht nur Echo, sondern eine sprachlich geregelte neue Bedeutung.
Etymologie
Indonesisch · Tagalog · sprachvergleichende Passage
Provenienz
Wortgestalt/Wortbildung/Morphologie → Sprachtypologie → ATLAS_144
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Vollreduplikation“. Atlas der Sprache, AT-144-007. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-144-007Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Sapirs Kapitel IV von 1921 stellt ganze Wiederholung und Teilwiederholung ausdrücklich gegenüber. Damit ist die strukturelle Unterscheidung historisch belegt, nicht aber ein deutscher oder englischer Erstgebrauch des heutigen Ausdrucks Vollreduplikation. Seine funktionale Vielfalt begrenzt die naheliegende Deutung, mehr Material bedeute immer mehr Intensität oder Gegenstände. Ob die gesamte Basis kopiert wird, hängt zudem davon ab, welche Basis die betreffende Grammatik bestimmt. Das unterscheidet dieses Profil vom allgemeinen Verfahren, ohne es zu einer völlig anderen Tradition zu machen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Vollständig bezeichnet die Form der Kopie, nicht eine garantierte Bedeutung. Diskurswiederholung bleibt eine gesonderte Erklärung.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Edward Sapir, Language: An Introduction to the Study of Speech (1921) · Chapter IV, reduplication, opening discussion and contrast with partial duplication
Original English text read in the Gutenberg transcription. No first-coinage claim, full-book verification or automatic endorsement of the author’s 1921 language classifications and generalisations. Examples require modern descriptive checking before reuse as current language data.