ATLAS DER SPRACHE

AT-091-030 · ATLAS 260

Lexem

Abstrakte lexikalische Einheit hinter ihren verschiedenen grammatischen Wortformen.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Lexem ist nötig, um lexikalische Einheit hinter wechselnden Wortformen von der Zitierform im Wörterbuch zu unterscheiden. Der Eintrag trägt damit den Vergleich von Wortbildung, Flexion und Bedeutungsvarianten, ohne Wortform, Lemma und Bedeutungssinn zusammenzuwerfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Lexem ist die abstrakte lexikalische Einheit hinter ihren verschiedenen grammatischen Wortformen. Die Formen »gehe«, »ging« und »gegangen« werden gewöhnlich demselben Lexem GEHEN zugeordnet, obwohl ihre Laut- und Schriftgestalt deutlich variiert. Das Lexem bündelt eine stabile lexikalische Identität, ohne mit einem einzelnen Vorkommen oder bloß mit einer Zeichenfolge identisch zu sein. Seine Abgrenzung kann bei Mehrwortausdrücken, Homonymie, suppletiven Formen und produktiver Wortbildung schwierig werden. Der Begriff macht eine zentrale Abstraktionsleistung der Sprachbeschreibung sichtbar: Verschiedene reale Formen werden als Ausprägungen eines gemeinsamen Wortschatzelements erkannt und dadurch grammatisch und semantisch vergleichbar.

Denkbewegung

1. Mehrere konkrete Wortformen treten zunächst mit unterschiedlichen Endungen, Lautungen oder Schreibweisen auf. 2. Sprachwissen erkennt gemeinsame lexikalische Bedeutung und systematische grammatische Beziehungen zwischen ihnen. 3. Die Formen werden einer abstrakten Einheit zugeordnet, die als Wörterbuch- und Analysegegenstand dient. 4. Die Gegenprobe untersucht Homonymie, Bedeutungsabstand, Suppletion und Grenzen mehrteiliger Ausdrücke. 5. Die Vielfalt der Wortformen kehrt als Paradigma eines gemeinsamen, aber nicht materiell isolierten Lexems zurück.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Lexikologie und Computerlinguistik nutzen Lemmatisierung, Paradigmen und Sinnunterscheidung zur Bestimmung von Lexemen. Korpusanalysen prüfen Frequenz und Verteilung unabhängig von einzelnen Flexionsformen.

Beispiel

GEHEN umfasst gehe, ging und gegangen. Ein Korpus enthält »schreibt«, »schrieben« und »geschrieben«. Für die lexikalische Suche werden diese Formen dem Lexem SCHREIBEN zugeordnet, ihre grammatischen Unterschiede bleiben dennoch erhalten.

Gegenbeispiel

Die konkrete Form ging ist nicht das gesamte Lexem. Zwei gleich geschriebene Formen müssen nicht dasselbe Lexem vertreten, wie unterschiedliche Bedeutungen von »Bank« zeigen. Umgekehrt können stark verschiedene Formen wie »ist« und »war« zu einem Lexem gehören.

Abgrenzung

Von Wortform, Lemma, Morphem, Token und Bedeutungssinn unterscheiden. Das Lexem ist die abstrakte lexikalische Einheit; das Lemma ist ihre konventionelle Zitier- oder Wörterbuchform.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das Lexem bündelt formale Variation zu lexikalischer Identität, ermöglicht Wörterbücher und Vergleiche und kann zugleich schwierige Bedeutungsgrenzen verdecken.

Resonanz

Verschiedene Wortformen antworten auf eine gemeinsame lexikalische Gestalt; durch ihre Unterschiede hindurch bleibt ein wiedererkennbarer Bedeutungskern hörbar.

Etymologie

Etymologische Vertiefung offen

Provenienz

Wortgestalt/Wortbildung/Morphologie → Lexem → gegenwärtige Fachverwendung

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Lexem“. Atlas der Sprache, AT-091-030. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-030

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-030

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Der Cours unterscheidet das begrenzte Flexionsparadigma von dominus von offeneren assoziativen Reihen. Diese französische Passage belegt die Organisation verwandter Formen, nicht den heutigen Terminus Lexem. Sie bietet einen Vorläufer der Frage, wie eine lexikalische Einheit von ihren Flexionsformen und von abgeleiteten Nachbarwörtern zu unterscheiden ist.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Zähle nicht jede Flexionsform als eigenes Wort. Fasse aber auch nicht jede gemeinsame Ableitung zu einem einzigen Lexem zusammen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.