ATLAS DER SPRACHE

AT-W3-0401 · ATLAS 260

Lemma

Die Form, unter der ein Wort in einem Wörterbuch oder sprachlichen Verzeichnis geführt wird.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Lemma liefert die Grundlage für Ordnungs- und Zitierformen im Atlas und deren Verhältnis zu Lexem und Wortform. Varianten und Homonyme benötigen transparente Regeln statt bloßer Formgleichheit.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Lemma ist die Form, unter der lexikalische Informationen in einem Wörterbuch, Korpusindex oder anderen sprachlichen Verzeichnis gebündelt und auffindbar gemacht werden. Bei flektierenden Wörtern wird dafür konventionell eine Zitierform gewählt, im Deutschen etwa der Infinitiv für Verben oder der Nominativ Singular für viele Substantive. Das Lemma ist weder mit jeder im Text vorkommenden Wortform noch ohne Weiteres mit dem abstrakten Lexem identisch: Es ist zunächst eine redaktionelle und datenstrukturelle Zugriffseinheit. Homonyme können getrennte Lemmata erhalten, Varianten zusammengeführt oder separat angesetzt werden, und Mehrwortausdrücke stellen eigene Entscheidungen. Lemmatisierung ordnet konkrete Token einer solchen Form zu. Die Denkbewegung führt von verstreuten Erscheinungsformen zu einem stabilen Zugangspunkt und anschließend zurück zu der Frage, welche Unterschiede durch diese Bündelung erhalten, erläutert oder verdeckt werden müssen.

Denkbewegung

1. Viele flektierte, geschriebene oder gesprochene Formen treten zunächst in Texten auf und können auf zusammengehörige lexikalische Muster verweisen. 2. Ein Wörterbuch oder Analysesystem wählt nach expliziten Konventionen eine repräsentative Form als Zugangspunkt für diese Muster. 3. Belege, Bedeutungen, grammatische Angaben und Varianten werden unter diesem Lemma geordnet und für Suche und Vergleich verfügbar. 4. Die Gegenprobe prüft Homonymie, Mehrwortstatus und Flexionszuordnung und trennt Lemma von Lexem, Token, Wortform, Stamm und bloßem Stichwort. 5. Der stabile Zugangspunkt führt zurück in die Vielfalt der Belege; gute Lemmawahl bündelt Formen, ohne relevante Unterschiede zu verschlucken.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Lexikographie, Korpuslinguistik und Computerlinguistik entwickeln Lemmaansätze, behandeln Homonyme und Mehrwortausdrücke und messen Lemmatisierungsfehler. Historische und nicht standardisierte Daten erfordern dokumentierte Variantenregeln.

Beispiel

gehen bündelt die Formen gehe, ging und gegangen als Wörterbuchstichwort. Unter dem Lemma »laufen« verzeichnet ein Wörterbuch Formen wie »läuft« und »lief«, verschiedene Bedeutungen und Gebrauchsbelege; die Zitierform dient als gemeinsamer Zugangspunkt.

Gegenbeispiel

Eine beliebige Wortform im Satz Das Wort »ging« erscheint als konkrete Form in einem Satz. In einem deutschen Standardwörterbuch ist es gewöhnlich kein eigenes Lemma, sondern wird dem Lemma »gehen« zugeordnet.

Abgrenzung

Von Lexem, Wortform, Token, Type, Stamm, Wurzel, Stichwort, Headword, Lemmazeichen und Lemmatisierung als Verfahren unterscheiden; Zitierkonvention, Homonymtrennung und Variantenbehandlung offenlegen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Lemmata machen große Formenmengen suchbar, vergleichbar und redaktionell beherrschbar; unpassende Bündelung kann Bedeutungen vermischen, Varianten marginalisieren oder Analyseentscheidungen verbergen.

Resonanz

Viele Wortformen sammeln sich an einem Namen und strömen von dort wieder in ihre Kontexte zurück; das Lemma ist ein Knoten, nicht die ganze sprachliche Gestalt.

Provenienz

Roh-Masterliste K-0401 → ATLAS_037

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Lemma“. Atlas der Sprache, AT-W3-0401. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-W3-0401

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-W3-0401

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Historischer Hintergrund

Christian Lehmann unterscheidet das abstrakte Lexem von seiner lexikografischen Repräsentation. Im sprachsystematischen Zugriff kann der Stamm als Lemma dienen; Wörterbuchtraditionen verwenden dagegen häufig Zitierformen, etwa den Infinitiv oder den Nominativ Singular. Diese sind keine natürlichen Ausgangsformen aller Flexion. Der gelesene deutsche Fachtext belegt diesen methodischen Unterschied, nicht die historische Übernahme des Wortes Lemma ins Deutsche. Die frühere umfassende Wortgeschichte wird deshalb nicht vorausgesetzt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Eine Lemmaform ist eine begründete Darstellungsentscheidung. Im Atlas müssen Zitierform, Variante und Begriffs-ID getrennt bleiben: Die Schreibform allein beweist weder Begriffsidentität noch einen eigenen Begriff.