ATLAS DER SPRACHE

AT-W3-0280 · ATLAS 260

Bedeutungserweiterung

Ein Bedeutungswandel, bei dem ein Wort auf mehr Gegenstände anwendbar wird.

Teil des Themenwegs Sprachwandel, Kontakt und Vielfalt

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Bedeutungserweiterung präzisiert historischen Zuwachs des Anwendungsbereichs als Typ des Bedeutungswandels. Eine einmalige kontextuelle Ausdehnung braucht noch keine diachrone Konventionalisierung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Bedeutungserweiterung ist ein diachroner Prozess, bei dem der Verwendungsbereich eines sprachlichen Ausdrucks größer wird. Ein Wort, das zunächst nur eine enger bestimmte Klasse, Situation oder Eigenschaft bezeichnet, wird auf zusätzliche Referenten oder Kontexte anwendbar. Dies kann durch metaphorische und metonymische Übertragung, technische Innovation, soziale Verallgemeinerung oder häufige kontextuelle Brücken geschehen. Die ältere Bedeutung muss dabei nicht verschwinden; häufig bleibt sie als spezieller Sinn innerhalb einer polysemen Struktur erhalten. Eine einzelne kreative Metapher ist noch keine vollzogene Erweiterung, solange die neue Verwendung nicht konventionalisiert oder gemeinschaftlich wiedererkennbar wird. Ebenso ist Polysemie ein synchroner Zustand mehrerer Lesarten, während Bedeutungserweiterung deren historischen Entstehungsweg beschreibt. Die Denkbewegung verfolgt, wie eine Benennung ihre bisherige Grenze überschreitet, neue Fälle aufnimmt und dadurch auch den inneren Zusammenhang ihres Bedeutungsfeldes verändert.

Denkbewegung

1. Ein Ausdruck besitzt zunächst einen vergleichsweise engen, in einer Sprachgemeinschaft etablierten Bereich typischer Verwendungen. 2. Neue Gegenstände oder Situationen werden durch Ähnlichkeit, Nähe, Innovation oder wiederkehrende Kontexte mit dem Ausdruck verbunden. 3. Die übertragene Verwendung wird verstanden, wiederholt und schließlich als reguläre zusätzliche Anwendung innerhalb des Repertoires stabilisiert. 4. Die Gegenprobe prüft historische Belege und trennt Erweiterung von einmaliger Metapher, Homonymie, bloßer Polysemie und Bedeutungsverengung. 5. Der Ausdruck kehrt mit größerer Reichweite zurück; seine ältere Bedeutung bleibt erhalten, verschiebt sich oder wird zum besonderen Fall des neuen Feldes.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Historische Semantik, Lexikographie und Korpuslinguistik datieren neue Kollokationen und Referenzklassen, verfolgen Häufigkeit und Konventionalisierung und prüfen metaphorische, metonymische oder technologische Brückenkontexte.

Beispiel

Ein Name für eine Schreibtafel bezeichnet später tragbare Bildschirmgeräte. »Maus« bezeichnete zunächst das Tier und wurde später aufgrund der Form auf das Computer-Eingabegerät ausgedehnt; beide Verwendungen sind heute konventionell unterscheidbar.

Gegenbeispiel

Bedeutungsverengung Eine Dichterin nennt den Mond einmal »Lampe der Nacht«, doch die Sprachgemeinschaft verwendet »Lampe« danach nicht regulär für Himmelskörper. Die kreative Übertragung allein ist noch keine Bedeutungserweiterung.

Abgrenzung

Von Bedeutungsverengung, Bedeutungswandel als Oberbegriff, Polysemie, Homonymie, Metapher, Metonymie, Generalisierung und bloßer Referenzerweiterung in einer Einzelsituation unterscheiden; diachrone Konventionalisierung nachweisen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Bedeutungserweiterung macht vorhandene Wörter für neue Erfahrungen nutzbar und verdichtet lexikalische Netze; sie kann zugleich Mehrdeutigkeit, Generationsunterschiede und Streit über angemessene Verwendung erzeugen.

Resonanz

Ein Wort überschreitet seine alte Grenze und nimmt neue Gegenstände in seinen Klangraum auf; dabei verändert jeder neue Gebrauch auch das Echo des früheren Sinns.

Provenienz

Roh-Masterliste K-0280 → ATLAS_037

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Bedeutungserweiterung“. Atlas der Sprache, AT-W3-0280. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-W3-0280

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-W3-0280

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Historischer Hintergrund

Bréal behandelt Erweiterung als Veränderung des Anwendungsbereichs. Ein Wort bleibt wiedererkennbar, während mehr Situationen oder Gegenstände darunter gefasst werden. Diese Bewegung macht die Bezeichnung nicht automatisch präziser. Die historischen Beispiele einer Theorie müssen zudem einzeln abgesichert werden; hier wird ihr Analyseproblem genutzt, nicht jede angeführte Etymologie. Ein vertrauter Ausgangsfall kann seine alten Nebenassoziationen beim Übergang zu einem größeren Bereich teilweise verlieren.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir fragen, was im weiteren Gebrauch erhalten bleibt und was nicht. Eine neue Vergleichsidee eines Sprechers ist noch keine gemeinschaftlich etablierte Erweiterung.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.