Vertiefung
Bei einer Bedeutungsentlehnung übernimmt ein bereits vorhandenes einheimisches Wort unter dem Einfluss eines fremdsprachigen Entsprechungsausdrucks eine zusätzliche Bedeutung. Entlehnt wird damit nicht primär die Laut- oder Schriftform, sondern eine semantische Zuordnung. Formähnlichkeit, Übersetzungspraxis und intensiver Sprachkontakt können den Prozess begünstigen. Der Nachweis verlangt historische Reihenfolge und Kontaktplausibilität, denn parallele Bedeutungsentwicklung kann unabhängig entstehen. Die neue Lesart kann zunächst auf bestimmte Domänen beschränkt sein und später selbstverständlich wirken. Die Denkbewegung verfolgt eine vertraute Form in einen neuen Gebrauch und rekonstruiert die fremdsprachige Bedeutungsbrücke, die diesen Übergang ermöglicht haben könnte.
Denkbewegung
1. Ein einheimisches Wort besitzt zunächst eine historisch belegte Bedeutung und eine etablierte Form. 2. Im Sprachkontakt begegnet ihm ein fremder Ausdruck, der teilweise entspricht, aber eine zusätzliche Lesart trägt. 3. Übersetzende oder zweisprachige Sprecher übertragen diese Lesart auf das bereits vorhandene heimische Wort. 4. Die Gegenprobe prüft Datierung, Kontaktwege, unabhängigen Wandel und konkurrierende etymologische Erklärungen. 5. Die übernommene Bedeutung stabilisiert sich im Gebrauch und kann ihre Herkunft für spätere Sprecher unsichtbar machen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Kontaktlinguistik, historische Lexikografie und Übersetzungsforschung können datierte Korpora und zweisprachige Vermittlungswege vergleichen. Der Beleg muss Formkontinuität, Bedeutungsneuheit und Kontakt zusammenführen.
Beispiel
Ein vorhandenes Wort erweitert seinen Gebrauch nach dem Vorbild eines ähnlich verwendeten fremden Ausdrucks. Eine Sprachgemeinschaft besitzt bereits ein Wort für »Maus« als Tier. Unter dem Einfluss der fremdsprachigen Computerbezeichnung wird dieselbe heimische Form später auch für das Eingabegerät gebraucht.
Gegenbeispiel
Bei einer direkten Wortentlehnung wird die fremde Ausdrucksform selbst übernommen. Bei einer direkten Wortentlehnung wird die fremde Ausdrucksform selbst übernommen. Eine zufällig ähnliche Bedeutungsentwicklung ohne nachweisbaren Kontakt ist ebenfalls keine gesicherte Bedeutungsentlehnung.
Abgrenzung
Von Lehnwort als Übernahme einer Form, Lehnübersetzung als nachgebildeter Mehrwortstruktur und unabhängigem Bedeutungswandel unterscheiden. Bedeutungsentlehnung bewahrt die heimische Form und importiert eine Lesart.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Bedeutungsentlehnung erweitert Wortschatz ohne neue äußere Form und lässt Fremdeinfluss unsichtbar heimisch werden. Sie kann Mehrdeutigkeit erzeugen und begriffliche Modelle zwischen Sprachen übertragen.
Resonanz
Ein vertrautes Wort öffnet in derselben Form einen neuen Raum. Die fremde Sprache bleibt nicht an seiner Oberfläche, sondern klingt in einer zusätzlichen Bedeutung weiter.
Etymologie
Etymologie und Begriffsgeschichte in der Vertiefungsprüfung
Provenienz
Roh-Masterliste K-0278 → ATLAS_086
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Bedeutungsentlehnung“. Atlas der Sprache, AT-ETY-W0278. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ETY-W0278Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bréal beschreibt, dass metaphorische Verwendungen zwischen Sprachen auch durch Übersetzung übertragen werden können, ohne die Lautgestalt des Wortes mitzunehmen. Zugleich bleibt die Richtung eines solchen Transfers schwer nachzuweisen. Die Passage erklärt einen Teilbereich der Bedeutungsentlehnung, nicht jede kontaktbedingte Veränderung. Sie schützt gerade vor voreiligen Genealogien: Ähnliche Bilder in zwei Sprachen sind noch keine belegte Übertragung. Seine breiten Kultururteile werden nicht als heutige Befunde übernommen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir suchen Zeitfolge und tatsächliche Kontaktbedingungen, bevor wir einen Ursprung festlegen. Eine überzeugende Parallelität ersetzt keinen historischen Übertragungsnachweis.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Michel Bréal, Semantics: Studies in the Science of Meaning, translated by Mrs. Henry Cust, preface by J. P. Postgate, 1900; Internet Archive item semanticsstudie01postgoog, OCR witness · Chapter XII, closing discussion, pp. 132–133: translated metaphors
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. Selected English OCR passages read, not collated against page images. The OCR title page says New York: Henry Holt, MDCCCC; the item catalogue says London: Heinemann. This discrepancy is retained for facsimile review. OCR omits or corrupts parts of the text; only readable passages are used. Postgate’s preface is not attributed to Bréal. No English first-use claim from this translation.
- Michel Bréal, Semantics: Studies in the Science of Meaning, translated by Mrs. Henry Cust, preface by J. P. Postgate, 1900; Internet Archive item semanticsstudie01postgoog, OCR witness · Chapter XII, closing discussion, pp. 132–133: translated metaphors
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. Selected English OCR passages read, not collated against page images. The OCR title page says New York: Henry Holt, MDCCCC; the item catalogue says London: Heinemann. This discrepancy is retained for facsimile review. OCR omits or corrupts parts of the text; only readable passages are used. Postgate’s preface is not attributed to Bréal. No English first-use claim from this translation.