ATLAS DER SPRACHE

AT-RES6B-0015 · ATLAS 260

Lehnbedeutung

Neue Bedeutung eines vorhandenen Wortes, die nach dem Vorbild eines Ausdrucks aus einer anderen Sprache übernommen wird.

Teil des Themenwegs Sprachwandel, Kontakt und Vielfalt

Warum dieser Begriff im Atlas?

E · Exemplarischer Fall R3 · Begründeter exemplarischer Fall

Lehnbedeutung zeigt Bedeutungsübernahme bei vorhandener Wortform als gesonderten Kontaktfall. Formähnlichkeit allein belegt weder die Übertragungsrichtung noch einen tatsächlich belegten fremdsprachigen Einfluss.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Lehnbedeutung entsteht, wenn ein bereits vorhandenes Wort unter dem Einfluss eines Ausdrucks einer anderen Sprache eine zusätzliche Bedeutung übernimmt. Entlehnt wird nicht notwendig die Laut- oder Schriftform, sondern eine semantische Zuordnung. Der Vorgang ist deshalb oberflächlich schwerer sichtbar als ein Lehnwort und verlangt historischen Vergleich: Die neue Lesart muss in der Gebersprache vorgebildet und ihr Auftreten im Kontakt plausibel sein. Die Denkbewegung verfolgt die ältere Bedeutung des Empfängerworts, datiert die Erweiterung, prüft parallele Modelle und fragt, wie die neue Bedeutung in das vorhandene Bedeutungsnetz integriert oder gegen ältere Lesarten abgegrenzt wird.

Denkbewegung

1. Die früher belegten Bedeutungen des Empfängerworts werden chronologisch und kontextuell rekonstruiert. 2. Die mutmaßliche neue Bedeutung wird von bloßer Gebrauchsausweitung oder unabhängiger Metapher getrennt. 3. Ein formal oder funktional entsprechendes Modell in der Kontaktsprache wird mit historischen Belegen bestimmt. 4. Kontaktwege, Datierung und Textsorten prüfen, ob eine gerichtete semantische Übernahme plausibel ist. 5. Spätere Verwendung zeigt, ob die Lehnbedeutung markiert bleibt, ältere Lesarten verdrängt oder Polysemie erweitert.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Historische Semantik, Kontaktlinguistik, Lexikographie, Korpus- und Übersetzungsforschung prüfen Lehnbedeutungen durch datierte Belege, Parallelkorpora und Kontaktgeschichte. Konkurrenzhypothesen wie unabhängige Metapher müssen ausdrücklich getestet werden.

Beispiel

Ein vorhandenes Wort für eine physische Plattform erhält in technischem Kontakt zusätzlich die Bedeutung eines digitalen Vermittlungssystems. Historische Texte zeigen, dass diese Lesart nach dem fremdsprachigen Modell auftritt.

Gegenbeispiel

Bedeutungswandel allein ist keine Lehnbedeutung. Ohne plausibles fremdsprachiges Modell und historisch möglichen Kontakt darf eine parallele Bedeutung nicht automatisch als Entlehnung erklärt werden.

Abgrenzung

Von Lehnwort, Lehnübersetzung, Bedeutungswandel und falschem Freund unterscheiden. Bei der Lehnbedeutung bleibt die vorhandene Form und übernimmt eine fremd angeregte Lesart; die Lehnübersetzung bildet dagegen neues Ausdrucksmaterial nach.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Lehnbedeutungen erweitern Wortschatz, ohne neue Wortkörper einzuführen, und können internationale Begriffsfelder schnell angleichen. Zugleich verändern sie ältere Bedeutungsgrenzen und können zunächst Missverständnisse erzeugen.

Resonanz

Die vertraute Wortform bleibt bestehen, doch ein fremdes Bedeutungsmodell bringt sie anders zum Schwingen. Altes und neues Bedeutungsfeld überlagern sich, bis Gebrauch ihre Beziehung stabilisiert.

Etymologie

deutsche und internationale Fachtradition · Herkunft im Profil

Provenienz

Metzler 6 → Vollabgleich → Resonanzprüfung → zweisprachiger Sichtlauf → ATLAS_182

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Lehnbedeutung“. Atlas der Sprache, AT-RES6B-0015. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6B-0015

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6B-0015

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bréals Erörterung übertragener Metaphern zeigt, wie eine Sprache eine semantische Verbindung mit eigenem Wortmaterial nachbilden kann. Das ist ein nützlicher Vorläufer für Lehnbedeutung, belegt aber nicht jeden Fall, in dem ein vorhandenes Wort durch Sprachkontakt einen zusätzlichen Sinn erhält. Ebenso rechtfertigt die Passage keine eigene Genealogie gegenüber dem Nachbarprofil Bedeutungsentlehnung, das ebenfalls mit semantic loan übersetzt wird. Für den Atlas ist zwischen dem Vorgang der Übertragung und dem daraus hervorgehenden entlehnten Sinn zu unterscheiden. Eine solche redaktionelle Teilung könnte nützlich sein, muss aber ausdrücklich beschlossen werden. Eine gemeinsame Metapher ist ein Untersuchungsanlass, keine Erlaubnis, ohne Beleg eine Gebersprache zu bestimmen. Genaue englische Terminologie und konkrete Kontaktgeschichten bleiben offen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Lehnbedeutung ist nur dann nachgewiesen, wenn der zusätzliche Sinn und sein Kontaktweg belegt sind; formale oder metaphorische Ähnlichkeit allein weist keine Gebersprache nach.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.