ATLAS DER SPRACHE

AT-METZ5-0007 · ATLAS 260

Trope

Bedeutungsfigur, bei der ein Ausdruck aus seinem gewöhnlichen Gebrauch in eine übertragene Beziehung versetzt wird.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Trope ist als Grundlagenbegriff nötig, um verschiedene Arten von Bedeutungsübertragung im Atlas aufeinander zu beziehen. Die jeweilige Tradition und der Ausgangsgebrauch müssen dabei angegeben werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Trope ist ein rhetorischer Oberbegriff für Bedeutungsfiguren, bei denen ein Ausdruck nicht ausschließlich in seinem gewöhnlichen oder erwarteten Sinn verwendet, sondern in eine übertragene Beziehung versetzt wird. Klassische Systematiken zählen etwa Metapher, Metonymie, Synekdoche oder Ironie dazu, unterscheiden sich jedoch in Umfang und Einteilung. Eine Trope ist deshalb keine einzelne Denkbewegung, sondern eine Familie verschiedener Operationen: Ähnlichkeit, Nachbarschaft, Teil-Ganzes-Beziehung oder pragmatische Umkehr können Bedeutung neu organisieren. Der übertragene Gebrauch muss nicht bloß schmückend sein; er kann Wahrnehmung, Kategorien und Argumentation prägen. Zugleich ist die Grenze zum konventionalisierten Wortgebrauch fließend, weil ehemals auffällige Übertragungen lexikalisch selbstverständlich werden. Die Denkbewegung führt vom erwarteten Sinn über eine relationale Verschiebung zu einer neuen, kontextuell erschließbaren Bedeutung.

Denkbewegung

1. Ein Ausdruck ruft zunächst einen konventionellen Bedeutungsbereich und damit eine bestimmte Erwartung seiner Verwendung auf. 2. Der Kontext verhindert oder überschreitet eine rein gewöhnliche Lesart und aktiviert eine Beziehung zu einem anderen Bereich. 3. Hörende erschließen die Art der Verschiebung, etwa über Ähnlichkeit, Kontiguität, Teilbezug oder ironische Haltung. 4. Die Gegenprobe prüft, ob tatsächlich eine übertragene Operation vorliegt oder nur Polysemie, Fachbedeutung, Fehler oder wörtliche Verwendung. 5. Der Ausdruck kehrt mit veränderter Bedeutung zurück und kann den Zielbereich neu gliedern, bewerten oder wahrnehmbar machen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Semantik, Pragmatik und Kognitionslinguistik vergleichen Tropenklassifikationen, Kontextinferenzen und Konventionalisierung. Analysen sollten den konkreten Relationstyp benennen, statt jede Nichtwörtlichkeit unter einem unscharfen Etikett zu sammeln.

Beispiel

In »Die Stadt schläft noch« wird eine menschliche Tätigkeit auf einen urbanen Raum übertragen. Die Trope ordnet geringe Aktivität als körperlichen Zustand und verändert dadurch die Wahrnehmung des Morgens.

Gegenbeispiel

Das Wort »Maus« bezeichnet in einem Computerhandbuch das etablierte Eingabegerät. Historisch metaphorisch motiviert, ist diese Lesart synchron weitgehend lexikalisiert und im Kontext nicht notwendig als aktuelle Trope wirksam.

Abgrenzung

Von Figur als weiterem Oberbegriff, wörtlicher Bedeutung, Polysemie, Idiom, bloßem Sprachfehler und Allegorie unterscheiden. Bei jeder Trope sind Ausgangssinn, Zielsinn, Relation und Grad der Konventionalisierung anzugeben.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Tropen erweitern Benennbarkeit, verdichten Bewertungen und schaffen neue Perspektiven. Ihre Selbstverständlichkeit kann jedoch verdecken, dass übertragene Kategorien bestimmte Aspekte hervorheben und andere ausblenden.

Resonanz

Ein Wort verlässt seinen vertrauten Ort und berührt einen anderen Bereich. In dieser Verschiebung entsteht eine Verbindung, die beide Bedeutungsräume kurz neu erklingen lässt.

Etymologie

internationale Fach- und Literaturtradition · Formgeschichte im Profil

Provenienz

Metzler S–Z → Bestandsabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → ATLAS_180

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Trope“. Atlas der Sprache, AT-METZ5-0007. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ5-0007

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ5-0007

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Smith unterscheidet 1665 Tropen, bei denen die Bedeutung verändert wird, von Figuren, die die Verbindung der Wörter gestalten. Er nennt vier Hauptarten: Metonymie, Ironie, Metapher und Synekdoche. Weitere Kategorien ordnet er als Eigenschaften von Tropen oder als nur eingeschränkt so bezeichnete Formen ein. Diese Gliederung belegt ein bestimmtes frühneuzeitliches Lehrsystem; sie ist weder ein allgemeiner Konsens noch ein Erstbeleg des deutschen Wortes Trope.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Die Klassifikation muss an das jeweilige historische Lehrsystem gebunden bleiben.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.