Vertiefung
Deautomatisierung bezeichnet die Unterbrechung eingeübter Wahrnehmungs- und Sprachvollzüge, durch die eine Form, ein Gegenstand oder eine Beziehung wieder auffällig wird. Gewohnheit lässt häufig gebrauchte Wendungen und vertraute Dinge funktional durchsichtig werden; ungewöhnliche Syntax, unerwartete Benennung, Rhythmus oder Perspektive können diese Selbstverständlichkeit aufhalten. In formalistischer Tradition betrifft dies nicht bloß Neuheit, sondern eine verlangsamte oder erschwerte Wahrnehmung, die das Gemachte erneut erfahrbar macht. Der Effekt nutzt sich jedoch ab und hängt von historischen sowie kulturellen Normen ab: Was einer Gruppe fremd erscheint, kann für eine andere Routine sein. Der Begriff macht sichtbar, dass Aufmerksamkeit nicht nur durch zusätzlichen Inhalt, sondern durch eine Störung des gewöhnlichen Verarbeitungswegs neu organisiert werden kann.
Denkbewegung
1. Eine vertraute Form wird zunächst schnell und beinahe unbemerkt verarbeitet, weil Erwartung und Routine ihren Verlauf bereits vorzeichnen. 2. Eine Abweichung in Benennung, Anordnung, Klang oder Perspektive hemmt diesen automatisierten Vollzug und lässt die Form hervortreten. 3. Wahrnehmende investieren erneut Zeit, vergleichen Möglichkeiten und entdecken Eigenschaften, die funktionale Gewöhnung zuvor verdeckt hatte. 4. Die Gegenprobe bestimmt die vorausgesetzte Norm und trennt Deautomatisierung von bloßer Unverständlichkeit, Fehler, Neuheit und beliebiger Überraschung. 5. Das Vertraute kehrt verändert zurück: Nicht zwingend der Gegenstand, wohl aber der Weg seiner Wahrnehmung ist neu gegliedert worden.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Stilistik, Literaturwissenschaft und Psycholinguistik vergleichen Lesezeiten, Erinnerungswerte und Interpretationen konventioneller sowie abweichender Fassungen. Historische Korpora helfen zu prüfen, welche Norm zum jeweiligen Zeitpunkt tatsächlich verfügbar war.
Beispiel
Statt »Die Stadt erwacht« heißt es in einem Gedicht: »Die Ampeln blinzeln den Morgen zusammen.« Die ungewohnte Handlung bremst Routine und macht urbane Wahrnehmung neu sichtbar.
Gegenbeispiel
Ein zufälliger Tippfehler kann das Lesen kurz stören, ohne eine produktive neue Wahrnehmung von Form oder Gegenstand zu eröffnen; Störung allein belegt noch keine Deautomatisierung.
Abgrenzung
Von Foregrounding als weiterem textuellen Hervortreten, Verfremdung als ästhetisch-politischem Verfahren, Abweichung, Innovation, Fehler, Ambiguität und bloßer Überraschung unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Deautomatisierung verlangsamt routinierte Verarbeitung, richtet Aufmerksamkeit auf Form und Beziehung und kann vertrauten Gegenständen eine erneut wahrnehmbare Fremdheit verleihen.
Resonanz
Eine Gewohnheit gerät aus dem Takt; in der kurzen Verzögerung wird hörbar und sichtbar, was der reibungslose Vollzug bisher verschluckte.
Etymologie
deutsche/internationale Fachsprache · Formgeschichte im Profil
Provenienz
Metzler-Suchfeld → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → Poetische Verfahren → ATLAS_177
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Deautomatisierung“. Atlas der Sprache, AT-METZ2-0005. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ2-0005Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bergsons Vergleich von lebendiger Anpassung und mechanisch wirkender Wiederholung bietet eine Nachbarschaft, nicht die formalistische Kategorie selbst. Šklovskijs Art as Technique (1917) stellt im gelesenen englischen Übersetzungsauszug habitualisierte Wiedererkennung einer erschwerten, verlängerten Wahrnehmung gegenüber. Seine Tolstoi-Beispiele verändern Benennung oder Perspektive, damit das Gewohnte wieder wahrgenommen wird. Damit erhält die Atlasbewegung von Routine über Hemmung zu erneuter Aufmerksamkeit einen direkten theoretischen Bezug. Die genaue Ausgabe und Übersetzerzuordnung der Reproduktion sind noch offen; eine russische Textkollation und eine deutsche Wortgenealogie liegen nicht vor.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Deautomatisierung ist nicht Störung als Selbstzweck, sondern eine nachvollziehbare Veränderung des Wahrnehmungswegs.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Henri Bergson, Laughter, authorised English translation by Cloudesley Brereton and Fred Rothwell; Gutenberg transcription, print edition date not established · Chapters I and III: habit, rigidity and automatic behaviour
Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Authorised English translation; the original French and print edition have not been collated. Bergson’s general theory of comedy is an attributed philosophical account, not an experimentally established universal law.
- B-SHKLOVSKY-1917 · Art as Technique (1917), reproduced English translation, PDF pp.1–4, especially pp.2–3