ATLAS DER SPRACHE

AT-119-029 · ATLAS 260

Verfremdung

Gestaltung, die Vertrautes ungewohnt erscheinen lässt und automatisierte Wahrnehmung unterbricht.

Teil des Themenwegs Poetik, Narration und Darstellung

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Verfremdung unterbricht vertraute Wahrnehmung durch eine gestaltete Abweichung. Der Eintrag fragt nach der neuen Aufmerksamkeit und ihrer Rückbindung an Bekanntes, statt bloße Unverständlichkeit schon als Erkenntnisgewinn zu feiern.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Verfremdung ist ein ästhetisches Verfahren, das Vertrautes so gestaltet, dass es nicht mehr automatisch erkannt und verbraucht wird. Ungewohnte Perspektive, verlangsamte Beschreibung, formale Abweichung oder offengelegte Inszenierung können alltägliche Gegenstände, Handlungen und soziale Regeln erneut wahrnehmbar machen. Der Begriff umfasst unterschiedliche Traditionen: formalistische Verfremdung zielt auf erneuerte Wahrnehmung, während episches Theater auch kritische Distanz zu dargestellten Verhältnissen erzeugt. Die Denkbewegung beginnt bei einer eingeübten Sicht, unterbricht ihre Selbstverständlichkeit und führt über einen Widerstand zu genauerem Sehen und möglicher Neubewertung.

Denkbewegung

1. Ein Gegenstand oder Zusammenhang wird zunächst durch Gewohnheit schnell und nahezu unbemerkt verarbeitet. 2. Die Gestaltung stört vertraute Form, Perspektive, Abfolge oder Erwartung und verzögert die Wiedererkennung. 3. Das Publikum muss Einzelheiten und Beziehungen neu zusammensetzen, statt ein fertiges Schema abzurufen. 4. Die Gegenprobe trennt produktive Wahrnehmungsstörung von bloßer Unverständlichkeit und dekorativer Exotik. 5. Das Vertraute kehrt verändert zurück und kann sinnlich genauer oder gesellschaftlich kritischer beurteilt werden.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Literatur-, Theater- und Medienwissenschaft analysieren Verfremdung über formale Verfahren, Rezeptionsreaktionen und historischen Kontext. Dabei müssen formalistische, brechtsche und weitere Traditionslinien ausdrücklich unterschieden werden.

Beispiel

Eine Erzählung beschreibt einen Aufzug aus der Sicht eines Wesens, das keine Gebäude kennt: Türen verschlucken Menschen und geben sie an anderen Höhen wieder frei. Alltägliche Technik wird erneut fragwürdig.

Gegenbeispiel

Ein unverständlicher Text ist nicht allein deshalb verfremdend; die Abweichung muss eine erneute Wahrnehmung oder Reflexion des Gegenstands ermöglichen. Auch bloße Neuheit ohne Bezug auf eine automatisierte Sicht genügt nicht.

Abgrenzung

Von bloßer Fremdheit, Überraschung, hermetischer Unverständlichkeit und fantastischem Inhalt unterscheiden. Verfremdung ist ein gestaltetes Verhältnis zwischen vertrauter Erwartung und erneuerter Wahrnehmung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Verfremdung verlangsamt automatisierte Wahrnehmung und öffnet Raum für Erkenntnis oder Kritik. Ohne erkennbare Rückbindung kann sie jedoch in bloße Irritation oder Distinktionsgestus umschlagen.

Resonanz

Das Bekannte antwortet plötzlich mit einer fremden Stimme. Die Unterbrechung lässt seine bisher überhörten Eigenschaften hervortreten und stimmt den Blick neu.

Etymologie

Fachterminus · genealogische Vertiefung in ATLAS_120

Provenienz

Poetik/Narration → Wahrnehmungsverfahren → ATLAS_119

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Verfremdung“. Atlas der Sprache, AT-119-029. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-029

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-029

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bergsons Erörterung macht Mechanismen sichtbar, die übersehen werden, solange Handlung oder Rede natürlich erscheinen. Das bietet einen Vergleich mit Verfremdung, begründet aber weder die spätere Literaturtheorie noch deren Terminologie. Der Atlas muss unterscheiden, ob eine automatische Routine bloßgelegt oder Wahrnehmung durch veränderte künstlerische Darstellung erneuert wird. Komische Distanz kann Anteilnahme unterbrechen, während ungewohnte Beschreibung die Aufmerksamkeit auf eine Erfahrung intensiviert; beide Wirkungen müssen nicht zusammenfallen. Bergson ist daher ein benachbarter historischer Zeuge, nicht der Ursprung der Atlaskategorie. Die spezifische theoretische Linie müssen direkte formalistische Texte und ihre englischen Übersetzungen belegen. Gerade als Vergleich bleibt die Passage nützlich, weil sie fragen lässt, welche Vertrautheit unterbrochen wird und welche Wahrnehmungstätigkeit an ihre Stelle tritt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Verfremdung ist von bloßer komischer Distanz zu trennen: Sie wird analytisch durch die erneuerte Wahrnehmung des Vertrauten bestimmt, nicht nur durch dessen Mechanisierung.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.