ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR8-0015 · ATLAS 260

Thaumasmus

Sprachliche Inszenierung von Staunen über Größe, Fremdheit oder Unerwartetes.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Thaumasmus erschließt die rhetorische Aufführung von Staunen und zeigt, wie Größe oder Fremdheit als wahrnehmungslenkende Besonderheit gesetzt wird. Mirativität kann grammatisch Überraschung anzeigen und benötigt keine rhetorische Aufführung des Staunens.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Thaumasmus inszeniert Staunen über etwas Großes, Fremdes, Unerwartetes oder schwer Begreifbares. Die Rede hält den Augenblick fest, in dem gewohnte Kategorien noch nicht genügen und Aufmerksamkeit sich neu ausrichten muss. Ein Ausruf kann Bewunderung, Verwunderung, Erschütterung oder ironisch gespieltes Erstaunen tragen; seine Erkenntnisleistung hängt davon ab, ob er eine genauere Wahrnehmung eröffnet oder sie durch bloße Überwältigung ersetzt. Die Analyse bestimmt den Auslöser, die affektive Markierung und den behaupteten Normbruch. Sie prüft außerdem, wessen Perspektive als normal gilt und ob das als erstaunlich Gezeigte tatsächlich neu ist oder strategisch spektakulär gemacht wird.

Denkbewegung

1. Der konkrete Auslöser des Staunens und die verletzte Erwartung oder Größenordnung werden bestimmt. 2. Lexik, Syntax, Interjektion, Prosodie und visuelle Inszenierung markieren die Stärke des Affekts. 3. Die vorausgesetzte Normalität wird aus Perspektive, historischem Kontext und Wissensstand rekonstruiert. 4. Eine nüchterne Beschreibung prüft, welche Erkenntnis durch Staunen geöffnet und welche verdeckt wird. 5. Der Blick kehrt zum Gegenstand zurück und fragt, ob das Erstaunen genauere Aufmerksamkeit ermöglicht.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Affekt-, Religions-, Reise- und Wissenschaftskommunikationsforschung untersuchen Thaumasmus nach Erwartungsbruch und Wissensfunktion. Korpus- und Rezeptionsstudien können unterscheiden, wann Staunen Neugier fördert oder Evidenz durch Spektakel ersetzt.

Beispiel

Beim Öffnen eines kleinen Manuskripts sagt die Forscherin: „Wie kann ein einziges Blatt so viele Wanderungen eines Wortes bewahren!“ Der Ausruf richtet den Blick auf die unerwartete Verdichtung.

Gegenbeispiel

Nicht jeder Ausruf, Superlativ oder Bericht über Neuheit ist Thaumasmus. Staunen muss als zentrale Wahrnehmungs- und Bewertungsbewegung sprachlich aufgeführt werden.

Abgrenzung

Von Ecphonesis, Mirativität, Hyperbel und Admiratio unterscheiden. Thaumasmus ist die rhetorische Aufführung des Staunens; Mirativität kann grammatisch unerwartete Information markieren, Ecphonesis bezeichnet den Ausruf allgemeiner.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Thaumasmus unterbricht Routine, erhöht Aufmerksamkeit und kann epistemische Offenheit schaffen. Er kann jedoch auch kritische Distanz schwächen, Exotisierung fördern und Größe an die Stelle einer Begründung setzen.

Resonanz

Ein unerwarteter Eindruck weitet den Wahrnehmungsraum schlagartig. Der Ausruf hält diese erste Schwingung offen, bevor begriffliche Ordnung sie wieder begrenzt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Affektfiguren → ATLAS_153

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Thaumasmus“. Atlas der Sprache, AT-HAR8-0015. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR8-0015

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Historischer Hintergrund

Peachams thaumasmus1593 inszeniert nicht nur bewunderndes Staunen. Er umfasst auch verwunderte Kritik an Nachlässigkeit, Frechheit oder fehlender Strafe. Die Rede kann damit eine verletzte Erwartung markieren, statt bloß angenehme Überraschung auszudrücken. Seine Warnung vor ständigem Staunen über Alltägliches ist rhetorischer Rat, kein experimentelles Aufmerksamkeitsgesetz. Die religiösen Beispiele begrenzen die Figur nicht auf Religion.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Staunen kann loben oder anklagen. Der erwartungsverletzende Affekt muss die Darstellung tragen.