ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR11-0011 · ATLAS 260

Tautazismus

Auffällige Häufung gleicher oder sehr ähnlicher Anlaute, besonders desselben Konsonanten.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Tautazismus profiliert dichte Gleichheit der Anlaute und lässt dadurch extreme Lautballung innerhalb des weiteren Alliterationsbereichs untersuchen. Bloße Alliteration ohne die behauptete dichte Häufung liefert noch nicht den engeren Anwendungsfall.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Tautazismus bezeichnet die auffällige Häufung desselben oder eines sehr ähnlichen Anlauts, insbesondere des Konsonanten t. Als historische Figurenbezeichnung überschneidet er sich mit der Alliteration, hebt aber eine besonders dichte Gleichlautung hervor, die den Satz rhythmisiert, bündelt oder auch schwerfällig wirken lässt. Für die Analyse genügt keine zufällige Wiederkehr: Position, Dichte, lautliche Ähnlichkeit und wahrnehmbare Funktion müssen zusammenkommen. Je nach Kontext kann das Muster Einprägsamkeit, Nachdruck, Komik oder lautmalerische Härte erzeugen. Die Denkbewegung löst Bedeutung kurz von ihrem Träger, hört die wiederkehrende Artikulationsgeste und verbindet den Klang anschließend wieder mit syntaktischer und rhetorischer Funktion.

Denkbewegung

1. Mehrere benachbarte Wörter treten zunächst durch denselben oder einen sehr ähnlichen Anfangslaut hervor. 2. Die Analyse bestimmt Position, Dichte und phonetische Identität, statt sich allein auf gleiche Buchstaben zu verlassen. 3. Die Wiederkehr organisiert Rhythmus und Aufmerksamkeit und kann eine semantische Reihe als zusammengehörig markieren. 4. Die Gegenprobe vergleicht zufällige Häufung, allgemeine Alliteration und bloße orthografische Gleichheit ohne Klangentsprechung. 5. Der Klang wird zur Aussage zurückgeführt und nach Nachdruck, Komik, Memorierbarkeit oder Störung beurteilt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorische Stilistik und phonetische Korpusanalyse können Anfangslaute, Abstand und Dichte annotieren und mit Erinnerung, Bewertung oder Prosodie vergleichen. Die historische Terminologie muss gegenüber moderner Alliterationsanalyse offengelegt werden.

Beispiel

»Trotz, Tadel, Trotzreaktion – täglich trieb Tobias die Truppe tiefer«, schreibt die Erzählerin und lässt die harten Anfänge den drillartigen Rhythmus der Szene tragen.

Gegenbeispiel

In »Viele leise Töne bewegen sich durch den Raum« stehen einzelne t-Laute, doch keine konzentrierte Folge gleicher Anlaute. Gleiche Anfangsbuchstaben ohne gleichen Laut bilden ebenfalls keinen verlässlichen Tautazismus.

Abgrenzung

Von Alliteration als weiterem Oberbegriff, Assonanz als Vokalwiederkehr und Paronomasie als bedeutungsbezogenem Wortklangspiel unterscheiden. Tautazismus fokussiert eine dichte Gleichheit der Anlaute.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die enge Lautfolge bündelt Aufmerksamkeit und macht Artikulation körperlich spürbar. Übermaß kann den Satz einprägsam oder komisch, aber auch künstlich und schwer beweglich erscheinen lassen.

Resonanz

Ein Anlaut stößt den nächsten an, bis aus einzelnen Wörtern eine gemeinsame Schlagfolge entsteht. Bedeutung erhält durch die wiederkehrende Mundbewegung einen hörbaren Körper.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Resonanzprüfung → DE/EN-Doppelfassung → Klangfiguren → ATLAS_174

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Tautazismus“. Atlas der Sprache, AT-HAR11-0011. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR11-0011

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR11-0011

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Historischer Hintergrund

Micraelius erklärt 1661 im Lexicon philosophicum unter Parechesis, dass mehrere Buchstaben denselben Klang erzeugen und dies als Fehler gilt; er nennt dafür auch die Bezeichnung Tautacismus. Das kurze lateinische Beispiel veranschaulicht die Häufung ähnlicher Laute. Gelesen wurde die wissenschaftliche Transkription, nicht der Seitenbildscan. Damit liegt ein passender frühneuzeitlicher Beleg für die negative Klangbewertung vor. Der zuvor zugewiesene Quintilian-Abschnitt über Wortwiederholung belegt diesen Sachverhalt nicht. Erstprägung und deutsch-englische Übernahmewege bleiben ungeklärt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Lautfolge und begründete stilistische Bewertung getrennt angeben. Wiederholung ist erst im jeweiligen Kontext ein beanstandeter Klangfehler statt eines bewusst eingesetzten Mittels.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.