ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR2-0008 · ATLAS 260

Bomolochie

Aufdringliche Scherzrede, die fortwährend nach dem nächsten Effekt sucht.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Bomolochie erschließt fortwährende Effektjagd als problematische Organisation von Scherzrede und fragt nach ihrer Wirkung auf Gespräch und Publikum. Ein einzelner Kalauer begründet noch keine fortwährende aufdringliche Scherzorganisation.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Bomolochie bezeichnet eine aufdringliche, fortgesetzte Scherzrede, die Gespräch und Aufmerksamkeit immer wieder dem nächsten Witz oder Effekt unterordnet. Ihr Problem liegt nicht im Humor selbst, sondern in Maß, Situation und Beziehung: Der scherzende Sprecher lässt kaum Raum für den Gegenstand, die Antworten anderer oder einen Wechsel des Registers. In der antiken Charakter- und Tugendlehre steht eine solche Possenhaftigkeit dem angemessenen Witz gegenüber; rhetorisch kann sie eine Figur der sozialen Störung, aber auch eine bewusst gespielte Rolle sein. Bomolochie ist nicht mit feinem Asteismus, einem einzelnen Kalauer, Parodie oder Bomphiologia als prahlerischer Rede identisch. Der Begriff macht sichtbar, wie Unterhaltung in kommunikative Dominanz kippt: Jeder Beitrag wird zum Material der nächsten Pointe, sodass Gemeinsamkeit nicht vertieft, sondern vom Effektverbrauch überlagert wird.

Denkbewegung

1. Ein Gespräch besitzt zunächst einen Gegenstand und wechselnde Beteiligungsrechte, in denen Humor eine begrenzte soziale Funktion übernehmen kann. 2. Eine Person reagiert wiederholt mit Scherz, Pointe oder possenhafter Wendung und zieht Aufmerksamkeit vom Gegenstand auf die eigene Wirkung. 3. Andere Beiträge werden zu Vorlagen des nächsten Effekts; Ernst, Antwort und Registerwechsel finden immer weniger anerkannten Raum. 4. Die Gegenprobe prüft Fortdauer, Aufdringlichkeit und Situationsunangemessenheit und trennt Bomolochie von einmaligem Witz, Asteismus, Kalauer, Parodie und Ironie. 5. Das Gespräch kehrt als Bühne eines einzigen Modus zurück: Wo alles scherzfähig werden muss, verliert Humor gerade seine freie und verbindende Beweglichkeit.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Humorforschung und Gesprächsanalyse untersuchen Sequenz, Reaktionen, Themenkontrolle und Registerwechsel. Historische Analyse hält ethische Charakterbegriffe von heutigen klinischen oder persönlichen Zuschreibungen getrennt.

Beispiel

Bei jeder sachlichen Rückfrage liefert ein Redner eine neue Pointe, imitiert Fragende und verhindert durch den nächsten Lacher, dass Einwände beantwortet werden.

Gegenbeispiel

Eine Teilnehmerin lockert eine angespannte Besprechung mit einem passenden Witz auf und kehrt danach zum Thema zurück. Das ist keine fortgesetzte Bomolochie.

Abgrenzung

Von Asteismus als feinem urbanem Witz, Kalauer, Scherzrede allgemein, Parodie, Ironie, Sarkasmus, Gelotopoios, Bomphiologia als Prahlrede und bloßer Heiterkeit unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Bomolochie kann Aufmerksamkeit gewinnen und Spannung lösen, verdrängt bei fortgesetztem Einsatz jedoch Gegenstand und Teilhabe und verwandelt Humor in ein Mittel kommunikativer Kontrolle.

Resonanz

Eine Pointe ruft sofort die nächste hervor, bis kein stiller Zwischenraum für Antwort bleibt; das Lachen schwingt weiter, während das Gespräch selbst verstummt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Einzelgenealogie in Vertiefung

Provenienz

Harjung-Register → Differenzabgleich → unabhängige Neufassung → Komische Figuren → ATLAS_122

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Bomolochie“. Atlas der Sprache, AT-HAR2-0008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0008

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Historischer Hintergrund

Aristoteles grenzt in Roberts' Übersetzung zurückhaltende Ironie von Possenreißerei danach ab, auf wen das Vergnügen zielt: Der Possenreißer wolle andere unterhalten, der ironische Sprecher werde anders charakterisiert. Das ist ein historischer Vergleich für Bomolochie, aber keine Prüfung aller Bedeutungsnuancen des griechischen Ausdrucks oder seiner englischen Entlehnung. Für den Atlas entsteht eine soziale Frage: Reagiert der Witz auf die Sache, oder verdrängt das Streben nach Reaktion den Gegenstand? Aristoteles' Ideal des Gentleman ist eine historische Norm, kein neutraler universaler Maßstab. Ein an andere gerichteter Scherz ist nicht automatisch aufdringlich. Direkte lexikalische und kontextuelle Belege sind nötig, bevor der antike Gegensatz auf das engere heutige Profil eines zwanghaft publikumsheischenden Scherzens bezogen wird.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Bomolochie ist nicht schon jeder publikumsbezogene Witz; analytisch maßgeblich ist, ob die Jagd nach Reaktion die Sache und die Interaktionsgrenzen verdrängt.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.