ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR2-0006 · ATLAS 260

Asteismus

Asteismus bezeichnet eine geistreich gebrochene, oft höflich-spöttische Redeweise, deren Wirkung vom Verhältnis der Beteiligten abhängt.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Asteismus erschließt, wie eine geistreich gebrochene Äußerung zugleich Nähe und Distanz herstellen kann. Ob darin Lob, freundschaftliches Necken oder eine verletzende Spitze liegt, muss am Kontext geprüft werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein scheinbarer Tadel kann Lob ausdrücken; eine elegante Replik kann aber auch nur freundlich necken oder tatsächlich verletzen. Lanham, das Historische Wörterbuch der Rhetorik und Silva setzen unterschiedliche Akzente. Der Atlas macht deshalb Lob-im-Tadel zu einer möglichen Anwendung und nicht zur einzig zulässigen Definition. Die Gegenprobe fragt nach Situation, Ton und der Möglichkeit des Gegenübers, den Scherz zurückzuweisen.

Denkbewegung

1. Wörtliche und indirekte Wertung auseinanderhalten. 2. Beziehung, Ton und Reaktion des Gegenübers prüfen. 3. Eine freundliche Lesart nicht gegen die Erfahrung des Adressaten erzwingen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Interaktionsanalyse vergleicht scherzhafte Äußerungen mit Antworten, Lachen und Zurückweisungen. Die soziale Wirkung wird nicht durch eine bloße Figurenbenennung ersetzt.

Beispiel

Eigenes Beispiel: Nach einem gelungenen Vortrag sagt eine Kollegin lächelnd: „Sie machen es uns mit Ihren guten Argumenten wirklich schwer.“ Die freundliche Lesart hängt vom gemeinsamen Kontext ab.

Gegenbeispiel

Ein offen ausgesprochenes Schimpfwort besitzt keine höfliche Deckschicht und ist daher kein Asteismus. Ebenso wenig genügt ein aufrichtiges Kompliment ohne kontextuell erkennbare Spitze.

Abgrenzung

Asteismus lässt sich nicht zuverlässig allein durch Lob-im-Tadel von Charientismus abgrenzen. Historische Taxonomien überlappen; Ironie und Euphemismus bieten weitere Vergleichsachsen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die präzisierte Unterscheidung macht nachvollziehbar, was am konkreten Beispiel geprüft wird und wo die Erklärung ihre Grenze erreicht.

Resonanz

Der Vergleich mit einem benachbarten Begriff verändert die Rückkehr zum Ausgangsbeispiel, ohne die beiden Begriffe gleichzusetzen.

Provenienz

Redaktionelle Präzisierung vom 15.10.2026, Pakete D01–D11; ursprünglicher kanonischer Nachweisbestand separat erhalten.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Asteismus“. Atlas der Sprache, AT-HAR2-0006. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0006

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0006

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Quellengebundene historische Einordnung · redaktionell präzisiert

Lanham (S. 25), das Historische Wörterbuch der Rhetorik (Bd. 1, Sp. 1129–1134) und Silva Rhetoricae setzen unterschiedliche Akzente bei geistreicher Replik und höflichem Spott. Lob im scheinbaren Tadel ist eine Möglichkeit, nicht die gesamte überlieferte Bedeutung.

Stand dieser Präzisierung

Am 15.10.2026 redaktionell angenommen. Die im Profil genannten Quellen und Begrenzungen tragen diese Lesart. Eine ältere abweichende Profilfassung wird hier nicht zusätzlich als aktuelle Erklärung angezeigt; der ursprüngliche Nachweisbestand bleibt unverändert archiviert. Dies ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.