ATLAS DER SPRACHE

AT-172-0015 · ATLAS 260

Bomphiologia

Übertrieben selbstgefällige oder prahlerische Redeweise.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Bomphiologia erschließt die Verbindung sprachlicher Übersteigerung mit demonstrativer Selbsterhöhung des Sprechers. Dieser Ethosbezug unterscheidet das Verfahren von allgemeiner Hyperbel und von sachlich begründeter Selbstbeschreibung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Bomphiologia ist eine übersteigerte, selbstvergrößernde Redeweise, in der eine Person durch prahlerische Behauptungen, aufgeblähte Wörter oder demonstrative Überlegenheit den eigenen Rang inszeniert. Die Figur verbindet Hyperbel mit Ethos: Nicht irgendeine Übertreibung, sondern die Vergrößerung des Sprechers oder seiner Leistungen steht im Zentrum. Sie kann ernst gemeinte Selbsterhöhung, komische Charakterisierung oder ironische Entlarvung sein. Ihre Wirkung hängt deshalb davon ab, ob Publikum und Kontext den Anspruch bestätigen, bewundern oder als unverhältnismäßig erkennen. Selbstbewusste sachliche Darstellung ist noch keine Bomphiologia; erforderlich ist ein auffälliges Missverhältnis zwischen Selbstinszenierung, Ausdruck und prüfbarem Anlass. Der Begriff zeigt, wie Rede Autorität nicht nur behauptet, sondern durch Klang, Umfang und Superlative performativ aufzublasen versucht – und dabei gerade ihre Glaubwürdigkeit gefährden kann.

Denkbewegung

1. Eine sprechende Person präsentiert zunächst eigene Fähigkeit, Leistung oder Bedeutung vor einem Publikum. 2. Superlative, Übertreibung und pompöse Form steigern die Darstellung weit über die sachlich erforderliche Selbstbeschreibung hinaus. 3. Die Rede versucht Rang durch ihre eigene Größe zu erzeugen, während das Publikum zwischen Bewunderung, Komik und Misstrauen entscheidet. 4. Die Gegenprobe vergleicht Behauptung, Anlass und Register und trennt Bomphiologia von Hyperbel allgemein, Enkomion, Ironie und berechtigtem Selbstbericht. 5. Das erzeugte Ethos kehrt unter umgekehrtem Vorzeichen zurück: Gerade die beanspruchte Größe kann Kleinheit, Unsicherheit oder Lächerlichkeit sichtbar machen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik-, Literatur- und Medienanalyse untersuchen Selbstreferenz, Superlative, Evidenzverhältnis und Publikumsreaktion. Vergleichsstudien trennen Figurencharakterisierung, strategisches Personal Branding und ironische Brechung.

Beispiel

»Kein Archiv vor mir hat die Zeit verstanden; erst meine unvergleichliche Ordnung wird allen kommenden Jahrhunderten das Denken lehren«, verkündet der Leiter über eine kleine Ablage.

Gegenbeispiel

Eine Forscherin nennt nüchtern ihre überprüfbaren Qualifikationen, weil diese für die Beurteilung einer Methode relevant sind. Sachgebundene Selbstauskunft ist keine Bomphiologia.

Abgrenzung

Von Hyperbel als allgemeiner Übertreibung, Enkomion als Lob, Prahlerei als Verhalten, Grandiloquenz, Gasconade, Eigenwerbung, Ironie und sachlich begründeter Selbstdarstellung unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Bomphiologia kann Aufmerksamkeit und kurzfristige Autorität erzeugen, charakterisiert aber häufig Eitelkeit und lässt übermäßige Selbstvergrößerung in einen Verlust an Glaubwürdigkeit umschlagen.

Resonanz

Die Stimme bläht sich zum großen Raum auf; ihr Echo prüft, ob darin wirkliche Leistung trägt oder nur die Hohlheit des eigenen Anspruchs zurückkehrt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition

Provenienz

Dublettenabgleich → Denkbewegung → DE/EN-Doppelfassung → Haltung → ATLAS_172

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Bomphiologia“. Atlas der Sprache, AT-172-0015. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0015

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Historischer Hintergrund

In der Warnung zu Meiosis nennt Peacham Bomphiologia als Gegenfehler zur erniedrigenden Benennung: hohe Titel für als niedrig bewertete Personen und großes Lob für geringe Verdienste. Seine Wertordnung bleibt historisch zugeschrieben. Dieser Beleg betrifft unangemessene Erhöhung, nicht notwendig Selbstlob; die auf prahlerische Haltung konzentrierte Atlasdefinition ist deshalb nur teilweise gedeckt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Prüfe, wer wessen Rang erhöht und worauf das Lob beruht. Selbstzufriedenes Auftreten und überhöhte Fremdbezeichnung sind verschiedene Mechanismen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Perseus transcription · Schemates Rhetorical: Meiosis, including use and caution where present

    The relevant transcription was read; it has not been collated against a 1593 page image. This dates a documented witness, not the first coinage. Historical moral, social and religious judgements are attributed to Peacham, not adopted as current knowledge.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.