Vertiefung
Eine Gelegenheitsbildung ist ein neu gebildeter Ausdruck, der für eine konkrete Äußerungssituation oder einen begrenzten kommunikativen Bedarf entsteht, ohne bereits zum etablierten Wortschatz zu gehören. Sprecher können produktive Muster nutzen, etwa »Regenschirmvergesser«, und damit eine unmittelbar erschließbare Benennung schaffen. Ob die Bildung einmalig bleibt, sich lokal wiederholt oder schließlich lexikalisiert wird, entscheidet erst ihre weitere Gebrauchsgeschichte. Der Begriff bezeichnet daher einen Status im Verlauf, nicht zwingend einen besonderen morphologischen Typ. Er überschneidet sich mit Okkasionalismus und Ad-hoc-Bildung, muss aber von bloßem Versprecher, Zitat eines alten seltenen Wortes und bereits verbreitetem Neologismus getrennt werden. Sichtbar wird, wie Sprache ihre Benennungslücken im Handeln vorläufig schließt und dabei mögliche Wörter erprobt.
Denkbewegung
1. Eine konkrete Situation erzeugt zunächst einen Benennungsbedarf, für den kein sofort verfügbares oder hinreichend passendes etabliertes Wort bereitsteht. 2. Die sprechende Person kombiniert bekannte sprachliche Bausteine nach produktiven Mustern zu einer neuen, kontextuell erschließbaren Form. 3. Adressaten rekonstruieren die gemeinte Bedeutung aus Wortstruktur und Situation, obwohl sie den Ausdruck zuvor möglicherweise nie gehört haben. 4. Die Gegenprobe prüft frühere Belege, Formationsregel und Gebrauchslaufbahn und trennt Gelegenheitsbildung von Fehler, Entlehnung und bereits etabliertem Neologismus. 5. Das situative Wort kann verschwinden, als Gruppenform weiterleben oder in den allgemeinen Wortschatz eintreten; erst die Wiederholung entscheidet seinen späteren Status.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Morphologie, Lexikologie und Korpuslinguistik prüfen Erstbelege, Produktivität, Kontextverständlichkeit und spätere Wiederaufnahme. Zeitgestaffelte Suchen verhindern, eine inzwischen etablierte Form rückwirkend als einmalige Bildung zu behandeln.
Beispiel
Beim Aufräumen nennt jemand den Stuhl, auf dem sich Kleidung sammelt, spontan den »Nochtragbarstuhl«; alle Anwesenden verstehen die lokale Funktion ohne Erklärung.
Gegenbeispiel
Wenn eine Sprecherin das etablierte, ihr persönlich unbekannte Wort »Wiedergänger« erstmals verwendet, entsteht dadurch keine neue Gelegenheitsbildung; individuelle Neuheit ist nicht sprachgeschichtliche Neubildung.
Abgrenzung
Von Ad-hoc-Bildung und Okkasionalismus je nach Terminologietradition, Neologismus als sozial weiter verbreiteter Neuerung, Versprecher, Wortspiel, Kontamination und spontaner Entlehnung unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Gelegenheitsbildungen schließen lokale Benennungslücken, verdichten situative Bewertungen und führen vor, wie regelgeleitet und zugleich erfinderisch Wortschatz erweitert werden kann.
Resonanz
Ein einmaliger Bedarf zieht bekannte Sprachstücke zusammen; das neue Wort leuchtet kurz auf und wartet darauf, ob eine andere Stimme es erneut aufnimmt.
Etymologie
Metzler-Tiefenlauf · Herkunft und Gebrauch werden im Fachquellenpass vertieft
Provenienz
Metzler 6 → Unterschwellenraum → Tiefenlauf 01 → Resonanzprüfung → ATLAS_184
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Gelegenheitsbildung“. Atlas der Sprache, AT-DEP1-0007. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-DEP1-0007Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Der Cours unterscheidet das Schaffen einer nach verfügbaren Mustern möglichen Form von ihrer Aufnahme in die gemeinsame Sprache. Eine verständliche Neuerung kann einmalig bleiben. Kindliche Bildungen machen dabei verwendete Muster sichtbar, statt nur zufällige Erinnerungsfehler zu sein. Der historische Zusammenhang liefert eine Grundlage der Operation, aber keinen englischen Erstbeleg des heutigen Namens occasional formation. Möglichkeit, örtlicher Nutzen und konventioneller Bestand sind unterschiedliche Ebenen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir prüfen, ob ein neuer Ausdruck verständlich ist, wozu er hier dient und ob er später übernommen wird. Ein gelungenes einmaliges Sprechen ist noch kein etablierter Wortschatz.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique générale (1916), edited by Bally and Sechehaye with Riedlinger; 1971 Payot printing, Wikisource transcription · Part III, IV §3 and V §1: innovation, indécorable and non-adopted formations
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. The Cours is a posthumous editorial reconstruction; French technical vocabulary is not an English attestation. Its historical phonology and classifications are not automatically current consensus.
- Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique générale (1916), edited by Bally and Sechehaye with Riedlinger; 1971 Payot printing, Wikisource transcription · Part III, IV §3 and V §1: innovation, indécorable and non-adopted formations
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. The Cours is a posthumous editorial reconstruction; French technical vocabulary is not an English attestation. Its historical phonology and classifications are not automatically current consensus.