ATLAS DER SPRACHE

AT-DEP1-0007 · ATLAS 260

Gelegenheitsbildung

Für eine konkrete Situation neu gebildeter Ausdruck, dessen Fortbestand noch offen ist.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Gelegenheitsbildung erschließt die situationsgebundene Entstehung neuer Ausdrücke, bevor ihre soziale Verbreitung oder Dauerhaftigkeit feststeht. Neologismus verlangt einen weiteren zeitlich-sozialen Status, den die spontane Einzelbildung nicht schon belegt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Gelegenheitsbildung ist ein neu gebildeter Ausdruck, der für eine konkrete Äußerungssituation oder einen begrenzten kommunikativen Bedarf entsteht, ohne bereits zum etablierten Wortschatz zu gehören. Sprecher können produktive Muster nutzen, etwa »Regenschirmvergesser«, und damit eine unmittelbar erschließbare Benennung schaffen. Ob die Bildung einmalig bleibt, sich lokal wiederholt oder schließlich lexikalisiert wird, entscheidet erst ihre weitere Gebrauchsgeschichte. Der Begriff bezeichnet daher einen Status im Verlauf, nicht zwingend einen besonderen morphologischen Typ. Er überschneidet sich mit Okkasionalismus und Ad-hoc-Bildung, muss aber von bloßem Versprecher, Zitat eines alten seltenen Wortes und bereits verbreitetem Neologismus getrennt werden. Sichtbar wird, wie Sprache ihre Benennungslücken im Handeln vorläufig schließt und dabei mögliche Wörter erprobt.

Denkbewegung

1. Eine konkrete Situation erzeugt zunächst einen Benennungsbedarf, für den kein sofort verfügbares oder hinreichend passendes etabliertes Wort bereitsteht. 2. Die sprechende Person kombiniert bekannte sprachliche Bausteine nach produktiven Mustern zu einer neuen, kontextuell erschließbaren Form. 3. Adressaten rekonstruieren die gemeinte Bedeutung aus Wortstruktur und Situation, obwohl sie den Ausdruck zuvor möglicherweise nie gehört haben. 4. Die Gegenprobe prüft frühere Belege, Formationsregel und Gebrauchslaufbahn und trennt Gelegenheitsbildung von Fehler, Entlehnung und bereits etabliertem Neologismus. 5. Das situative Wort kann verschwinden, als Gruppenform weiterleben oder in den allgemeinen Wortschatz eintreten; erst die Wiederholung entscheidet seinen späteren Status.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Morphologie, Lexikologie und Korpuslinguistik prüfen Erstbelege, Produktivität, Kontextverständlichkeit und spätere Wiederaufnahme. Zeitgestaffelte Suchen verhindern, eine inzwischen etablierte Form rückwirkend als einmalige Bildung zu behandeln.

Beispiel

Beim Aufräumen nennt jemand den Stuhl, auf dem sich Kleidung sammelt, spontan den »Nochtragbarstuhl«; alle Anwesenden verstehen die lokale Funktion ohne Erklärung.

Gegenbeispiel

Wenn eine Sprecherin das etablierte, ihr persönlich unbekannte Wort »Wiedergänger« erstmals verwendet, entsteht dadurch keine neue Gelegenheitsbildung; individuelle Neuheit ist nicht sprachgeschichtliche Neubildung.

Abgrenzung

Von Ad-hoc-Bildung und Okkasionalismus je nach Terminologietradition, Neologismus als sozial weiter verbreiteter Neuerung, Versprecher, Wortspiel, Kontamination und spontaner Entlehnung unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Gelegenheitsbildungen schließen lokale Benennungslücken, verdichten situative Bewertungen und führen vor, wie regelgeleitet und zugleich erfinderisch Wortschatz erweitert werden kann.

Resonanz

Ein einmaliger Bedarf zieht bekannte Sprachstücke zusammen; das neue Wort leuchtet kurz auf und wartet darauf, ob eine andere Stimme es erneut aufnimmt.

Etymologie

Metzler-Tiefenlauf · Herkunft und Gebrauch werden im Fachquellenpass vertieft

Provenienz

Metzler 6 → Unterschwellenraum → Tiefenlauf 01 → Resonanzprüfung → ATLAS_184

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Gelegenheitsbildung“. Atlas der Sprache, AT-DEP1-0007. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-DEP1-0007

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-DEP1-0007

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Historischer Hintergrund

Der Cours unterscheidet das Schaffen einer nach verfügbaren Mustern möglichen Form von ihrer Aufnahme in die gemeinsame Sprache. Eine verständliche Neuerung kann einmalig bleiben. Kindliche Bildungen machen dabei verwendete Muster sichtbar, statt nur zufällige Erinnerungsfehler zu sein. Der historische Zusammenhang liefert eine Grundlage der Operation, aber keinen englischen Erstbeleg des heutigen Namens occasional formation. Möglichkeit, örtlicher Nutzen und konventioneller Bestand sind unterschiedliche Ebenen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir prüfen, ob ein neuer Ausdruck verständlich ist, wozu er hier dient und ob er später übernommen wird. Ein gelungenes einmaliges Sprechen ist noch kein etablierter Wortschatz.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.