ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-244-005 · ATLAS 260

Reim

Geregelte klangliche Übereinstimmung von Wörtern oder Versenden, meist vom letzten betonten Vokal an.

Teil des Themenwegs Klang, Phonetik und Phonologie

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Reim zeigt, wie eine Klangkorrespondenz getrennte Stellen verbindet und eine Erwartung an ihre Rückkehr erzeugt. Seine Aufnahme beruht damit auf einer strukturierenden Wirkung, nicht auf bloßem Schmuck. Der Eintrag verbindet zudem das Hören mit der Gegenprobe historischer Aussprache und unterscheidet Klangreim von bloßer Schriftähnlichkeit.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Reim ist eine geregelte klangliche Entsprechung zwischen Wörtern oder Verspositionen, im deutschen und englischen Vollreim typischerweise vom letzten betonten Vokal an. Er verbindet getrennte Stellen durch Wiederkehr und macht ihre Beziehung hörbar, erinnerbar und erwartbar. Reim ist jedoch sprach- und traditionsabhängig: Silbenstruktur, Akzent, Vokallänge, historische Aussprache und poetische Konvention bestimmen, welche Übereinstimmung als rein, unrein oder nur visuell gilt. Seine Funktion erschöpft sich nicht im Schmuck. Reime können Versgrenzen markieren, semantisch entfernte Wörter koppeln, Erwartung aufbauen und durch Ausbleiben oder überraschende Erfüllung Bedeutung erzeugen. Augenreim beruht auf Schriftähnlichkeit, Schüttelreim auf vertauschten Lautteilen; beide zeigen andere Operationen. Die Denkbewegung führt einen Klang über eine Zwischenstrecke hinweg zu einer wiedererkannten Form zurück, ohne die verbundenen Wörter bedeutungsgleich zu machen.

Denkbewegung

1. Ein klanglich markanter Teil erscheint zunächst an einer hervorgehobenen Wort- oder Versposition und bleibt im auditiven Gedächtnis verfügbar. 2. Nach einer Strecke tritt eine hinreichend ähnliche Lautfolge an einer strukturell vergleichbaren Stelle auf und aktiviert die Erinnerung. 3. Die Wiederkehr koppelt die Positionen und erzeugt Erwartung, Abschluss, Kontrast oder eine neue semantische Nachbarschaft der Reimwörter. 4. Die Gegenprobe trennt phonologischen Reim von bloßer Schreibähnlichkeit, zufälligem Gleichklang, Alliteration und vollständiger Wortwiederholung. 5. Der zweite Klang kehrt zum ersten zurück und verändert beide: Zwischen ihnen entsteht eine Form, die Erinnerung und Fortgang zugleich trägt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Metrik, Phonologie, Korpus- und Rezeptionsforschung analysieren Reimdomäne, Akzent, Schema und Erwartungsverletzung. Historische Studien rekonstruieren frühere Aussprachen aus überlieferten Reimpaaren.

Beispiel

»Zeit« am Ende eines Verses lässt »Weit« im nächsten nicht nur ähnlich klingen: Entfernung und Dauer treten durch die Reimstellung in eine neue gedankliche Nachbarschaft.

Gegenbeispiel

»Liebe« und »Diebe« sehen und klingen ähnlich vom betonten Vokal an und reimen sich; »Liebe« und »Liebes« teilen dagegen nur Wortmaterial und erfüllen nicht automatisch dieselbe Reimposition.

Abgrenzung

Von Assonanz, Alliteration, Konsonanz, identischem Reim, Augenreim, unreinem Reim, Schüttelreim, Homoioteleuton und bloßer Wiederholung unterscheiden; Sprache und historische Aussprache berücksichtigen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Reim strukturiert Klang, Gedächtnis und Erwartung und kann überraschende Bedeutungsbeziehungen öffnen; schematischer Zwang kann Ausdruck verengen oder unfreiwillige Komik erzeugen.

Resonanz

Ein Klang verschwindet und findet später eine verwandte Gestalt; die Entfernung zwischen beiden wird zur hörbaren Brücke im Gedächtnis.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

ATLAS_241 Restfalltriage → Profilkandidat 241-C → Quellen- und Nachbarschaftsabgleich → ATLAS_244

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Reim“. Atlas der Sprache, AT-CORE-244-005. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-244-005

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-244-005

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Sapir vergleicht die Rolle des Reimes in verschiedenen poetischen Traditionen und argumentiert, dass seine Bedeutung von den anderen Ressourcen abhängt, die die Verse einer Sprache organisieren. Reim ist daher nicht nur ein allgemein austauschbares Ornament, das nach dem Sinn angehängt wird. Seine historischen Vergleiche und Vorhersagen über den poetischen Wandel sollten nicht als bewiesene Gesetze behandelt werden, insbesondere nicht dort, wo sie künstlerische Möglichkeiten abtun. Der Atlas kann die zugrunde liegende Frage vorsichtiger stellen: Was bindet das wiederholte Ende zusammen, und wie interagiert es mit Rhythmus und Erwartung? Ein Reim kann zwei Ausdrücke einprägsam machen, ohne sie konzeptionell miteinander verbunden zu beweisen. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig in einem Projekt, das sich für Resonanz interessiert. Die geprüfte englische Diskussion bietet eine theoretische Stufe, während die eigene Geschichte des Wortes und die spezifischen Reimtraditionen unabhängig dokumentierte Quellen erfordern.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Prüfe, welche Ausdrücke der Reim klanglich verbindet und welche Erwartung dadurch entsteht. Klangnähe macht eine Verbindung einprägsam, beweist aber noch keine begriffliche Zusammengehörigkeit.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language (1921), Gutenberg transcription with 1939 printing information · Chapter XI: rhyme alongside stress, quantity and syllable grouping

    Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. The inspected transcription carries 1921 copyright and later printing information; no first-edition collation. Historical language names and generalisations require modern checking.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.