ATLAS DER SPRACHE

AT-134-039 · ATLAS 260

Praeteritio

Figur, bei der etwas gerade dadurch hervorgehoben wird, dass angekündigt wird, man werde es nicht erwähnen.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Praeteritio macht die paradoxe Hervorhebung durch angekündigtes Verschweigen als eigenes Verfahren prüfbar. Die ausdrückliche Verzichtsgeste unterscheidet sie von allgemeiner Andeutung und von tatsächlich ausgelassenem Inhalt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Gemeinsamer Profilinhalt und historische Zugänge

Die folgenden Benennungen sind in dem hier behandelten Sinn mit diesem Profil gebündelt; ihre bisherigen IDs bleiben als Zugänge erhalten. Andere historische Verwendungen werden dadurch nicht gleichgesetzt.

Vertiefung

Praeteritio lenkt Aufmerksamkeit auf einen Inhalt, indem die sprechende Person erklärt, ihn übergehen, verschweigen oder nur am Rand erwähnen zu wollen. Das angekündigte Nicht-Sagen vollzieht damit gerade jene Nennung, von der es sich distanziert. Die Figur erlaubt es, eine Behauptung in den Diskurs einzuführen und zugleich Zurückhaltung, Anstand oder Zeitnot zu inszenieren; bisweilen wird Verantwortung für die insinuierte Wertung abgeschwächt. Ihre Wirkung hängt vom Publikum ab, das die Spannung zwischen Verzichtsgeste und tatsächlicher Hervorhebung erkennt. Die Denkbewegung trennt explizite Verzichtsformel, eingebrachte Information und strategische Folgewirkung.

Denkbewegung

1. Eine Formel des Übergehens oder Verschweigens wird als sichtbare Verzichtsgeste identifiziert. 2. Der dennoch mitgeteilte oder nahegelegte Inhalt wird unabhängig von dieser Geste rekonstruiert. 3. Die Platzierung zeigt, weshalb gerade das angeblich Ausgelassene besondere Aufmerksamkeit erhält. 4. Sprecherhaltung und Verantwortungsverschiebung werden auf Höflichkeit, Angriff oder Ironie geprüft. 5. Eine direkte Fassung macht vergleichbar, welchen zusätzlichen Effekt die Verzichtsinszenierung erzeugt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Argumentationsanalyse und politische Kommunikation untersuchen Praeteritio als Aufmerksamkeits- und Verantwortungsstrategie. Die Analyse trennt wörtliche Aussage, Implikation, Publikumswissen und mögliche plausible Abstreitbarkeit.

Beispiel

Eine Rednerin sagt, sie wolle die drei verspäteten Zusagen ihres Gegners gar nicht weiter ausführen, bevor sie jede der drei Fristen knapp nennt. Die Zurückhaltungsgeste verstärkt den Vorwurf.

Gegenbeispiel

Eine echte Auslassung ohne erkennbaren Hinweis ist keine Praeteritio. Ebenso genügt die bloße Ankündigung einer Themenbegrenzung nicht, wenn der ausgeschlossene Inhalt weder genannt noch deutlich suggeriert und dadurch hervorgehoben wird.

Abgrenzung

Von Aposiopese, Ellipse und gewöhnlicher Themenbegrenzung unterscheiden. Praeteritio benennt oder suggeriert das angeblich Übergangene gerade durch die ausdrückliche Behauptung, es nicht behandeln zu wollen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Praeteritio kann Vorwürfe besonders merkfähig machen, weil das Publikum das vermeintlich Unterdrückte selbst ergänzt. Sie erzeugt zugleich einen Anschein von Mäßigung oder widerwilliger Offenlegung.

Resonanz

Das angeblich Verschwiegene erhält einen hörbaren Rand. Die Geste des Weglassens lässt den Inhalt nicht verschwinden, sondern wirft ihn wie ein Echo in den Raum.

Etymologie

Fachterminus; Etymologie im Quellenpass zu vertiefen

Provenienz

Rhetorik/Stilistik → Erwähnung durch Auslassungsbehauptung → Quellenabgleich → ATLAS_134

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Praeteritio“. Atlas der Sprache, AT-134-039. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-039

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-039

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Peacham nennt 1593 Praeteritio ausdrücklich als weiteren Namen der unter Paralepsis behandelten Figur. Die angekündigte Nicht-Erwähnung liefert dabei gerade den vermeintlich ausgesparten Inhalt. Seine Beispiele und Warnungen betreffen Anklage, Herabsetzung, Lob und verdeckte Schmeichelei. Damit ist eine historische Namensbeziehung direkt belegt, nicht die Eigenständigkeit zweier unverwandter Mechanismen. Die Atlasanalyse kann den Abstand zwischen Verzichtsgeste und tatsächlich übermittelter Information untersuchen. Ob die mitgeteilte Anklage wahr ist, entscheidet dieses Verfahren nicht; es lenkt zuerst Aufmerksamkeit und Verantwortung.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Eine angekündigte Auslassung kann eine besonders wirksame Mitteilung sein; echte Nicht-Erwähnung ist etwas anderes.