Vertiefung
Polysyndeton verbindet die Glieder einer Reihe durch auffällig wiederholte Konjunktionen, obwohl weniger Bindewörter grammatisch genügen würden. Jedes Element erhält einen eigenen Einsatz und wird zugleich fest an die fortgesetzte Reihe gebunden. Je nach Rhythmus kann die Figur Fülle, Beharrlichkeit, Feierlichkeit, kindliche Unmittelbarkeit oder belastende Kumulation erzeugen. Ihre Markiertheit ist sprach- und gattungsabhängig; manche Koordinationsmuster verlangen ohnehin wiederholte Konnektoren. Die Denkbewegung vergleicht die Reihe mit einer normalen und einer asyndetischen Fassung und prüft, wie jede zusätzliche Konjunktion Tempo, Gewicht und Beziehung verändert.
Denkbewegung
1. Die Reihe und ihre grammatisch gleichgeordneten Glieder werden zunächst vollständig bestimmt. 2. Die Zahl der Konjunktionen wird mit der sprachüblich minimalen Koordination verglichen. 3. Prosodie zeigt, ob jedes Glied neu einsetzt oder die Reihe schwer fortgetragen wird. 4. Semantische Beziehungen werden auf Addition, Steigerung, Beharrlichkeit oder Überwältigung geprüft. 5. Asyndetische und einfache Vergleichsfassungen machen den spezifischen Rhythmus der Wiederholung sichtbar.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Syntax, Prosodieforschung, Narratologie und Übersetzungswissenschaft untersuchen Polysyndeton über Normvergleich, Sprechtempo und Gliedergewicht. Übersetzungen müssen rhythmische Funktion statt bloßer Konjunktionszahl beachten.
Beispiel
Eine Erinnerung zählt auf: „Und das Licht blieb an, und die Uhr ging weiter, und der Regen schlug ans Fenster, und niemand kam.“ Jede Konjunktion verlängert das Warten.
Gegenbeispiel
Wiederholte Konjunktionen sind kein Polysyndeton, wenn die Grammatik sie obligatorisch verlangt oder verschiedene Koordinationsebenen jeweils unabhängig markiert werden müssen. Entscheidend ist die auffällige übernormale Häufung.
Abgrenzung
Von Asyndeton, gewöhnlicher Koordination und bloßer Wiederholung unterscheiden. Polysyndeton beruht auf auffällig vervielfachten Konjunktionen; Asyndeton erzeugt Wirkung durch deren markiertes Fehlen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Polysyndeton verlangsamt die Reihe und gibt jedem Glied Eigengewicht, während es die Kumulation verstärkt. Es kann feierlich, eindringlich, überwältigend oder bewusst naiv wirken.
Resonanz
Zwischen jedem Glied wird dieselbe sprachliche Brücke erneut gebaut. Der Strom reißt nicht ab, doch jeder Übergang ist hörbar und trägt die wachsende Last der Reihe.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Register → Dublettenabgleich → unabhängige Neufassung → Reihungsfiguren → ATLAS_149
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Polysyndeton“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0005. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0005Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bullinger behandelt Polysyndeton 1898 als häufige Wiederholung von „and“ am Anfang aufeinanderfolgender Satzglieder und verbindet die Figur mit Anaphora. Er stellt ihr das Asyndeton gegenüber: Viele Bindewörter sollen zum Verweilen bei den Einzelheiten einladen, fehlende Bindewörter auf den Abschluss hin beschleunigen. Dieser Gegensatz ist eine historische Wirkungstheorie, kein allgemeines Messergebnis zur Lesegeschwindigkeit. Für den Atlas ist die Paarung als Gegenprobe brauchbar: Wir verändern nur die Verbindung der Glieder und vergleichen Gliederung, Rhythmus und Nachdruck. Auch dabei hängt die Wirkung von Inhalt und Vortrag ab. Die weiter gefasste Atlasdefinition umfasst auffällig viele Konjunktionen; Bullingers besonderes englisches „and“-Muster wird als engerer Zeuge kenntlich gemacht.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir vergleichen eine Reihung mit wenigen und mit vielen Bindewörtern. Erst am konkreten Wortlaut und Vortrag zeigt sich, ob die Wiederholung verbindet, verlangsamt oder Dringlichkeit aufbaut.