Vertiefung
Rhema bezeichnet in der Zeichentheorie von Charles S. Peirce ein Zeichen, das eine qualitative Möglichkeit oder offene Prädikation darstellt, ohne sie als Tatsache zu behaupten. Ein Rhema ist insofern wie ein Begriff oder Prädikat mit unbesetzter Stelle: Es kann auf etwas zutreffen, sagt aber für sich noch nicht, dass dies tatsächlich der Fall ist. Seine Einheit liegt nicht in einer bestimmten Wortart; auch ein Bild oder komplexer Ausdruck kann rhematisch funktionieren. Die Denkbewegung löst dargestellte Qualität von Behauptung, hält die Referenzstelle offen und fragt, wie das Zeichen erst durch Verbindung mit weiteren Zeichen zu einer Proposition werden kann.
Denkbewegung
1. Das Zeichen wird darauf geprüft, ob es eine mögliche Qualität oder Beziehung anbietet. 2. Offene Stellen für Gegenstände oder Beteiligte werden ausdrücklich sichtbar gemacht. 3. Es wird untersucht, ob bereits ein Wahrheitsanspruch oder nur Anwendbarkeit vorliegt. 4. Die Verbindung mit identifizierenden Zeichen zeigt den Übergang zu einer vollständigen Proposition. 5. Alternative semiotische Träger prüfen, ob die Funktion über einzelne Wortarten hinausreicht.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Semiotik, Logik, Bildtheorie und Begriffsforschung nutzen das Rhema zur Analyse unterschiedlicher Zeichenfunktionen. Eine belastbare Anwendung muss Peirces Kategorien offenlegen und darf Rhema nicht unbesehen mit grammatischem Prädikat gleichsetzen.
Beispiel
Der Ausdruck „ist durchsichtig“ eröffnet eine Eigenschaftsstelle, ohne festzulegen, welcher Gegenstand sie erfüllt. Erst die Verbindung mit „dieses Glas“ erzeugt eine Aussage, die als wahr oder falsch beurteilt werden kann.
Gegenbeispiel
Ein vollständiger Aussagesatz ist nicht bloß Rhema, wenn er eine Beziehung als tatsächlich bestehend behauptet und wahr oder falsch sein kann. Ebenso ist ein unverständliches Fragment nicht automatisch rhematisch; es muss eine bestimmbare mögliche Qualität darstellen.
Abgrenzung
Vom Rhema der Informationsstruktur, vom grammatischen Prädikat und vom Dicent unterscheiden. Hier ist der peircesche semiotische Zeichentyp gemeint: mögliche Prädikation ohne Behauptung tatsächlichen Bestehens.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Rhematische Zeichen öffnen Möglichkeiten, ohne sie festzuschreiben. Sie liefern qualitative Bausteine für Beschreibung, Klassifikation und Vorstellung und halten den Übergang von Begriff zu Behauptung sichtbar.
Resonanz
Eine Eigenschaft schwebt als Möglichkeit im Raum, noch ohne Träger und ohne Tatsachenanspruch. Erst die Verbindung mit einem Gegenstand lässt aus offenem Sinn eine bestimmte Aussage werden.
Etymologie
internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung
Provenienz
Semiotik/Zeichen → Peircesche Zeichenklasse → Quellenabgleich → ATLAS_133
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Rhema“. Atlas der Sprache, AT-133-047. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-047Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Im Syllabus von 1903 erläutert Peirce das rhematische Symbol als allgemeinen Term. Ein möglicher Charakter wird verfügbar, ohne bereits seine tatsächliche Geltung für einen bestimmten Gegenstand zu behaupten.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Trenne das Bereitstellen einer Eigenschaft von ihrer Zuschreibung. „Zerbrechlich“ eröffnet eine mögliche Einordnung; „Diese Schale ist zerbrechlich“ verbindet sie mit einem bestimmten Gegenstand. Der semiotische Begriff darf nicht mit dem Rhema als neuer Information in Thema-Rhema-Modellen verwechselt werden.
Ergänzendes Beispiel
Eigenes Beispiel: Auf einem leeren Sortierfeld steht „zerbrechlich“. Das Feld bietet eine Kategorie; erst das Einordnen einer Schale nimmt eine konkrete Zuschreibung vor. Gegenprobe: Eine vollständige Behauptung über diese Schale ist nicht nur ein isoliertes rhematisches Symbol.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Charles S. Peirce: Passages on the Role of Icons in Predication, zusammengestellt von Joseph Ransdell (2005). · CP 2.295 (um 1893); CP 3.433–435 (1896); CP 2.261 und 2.317 (1903).