Vertiefung
Resonanz bezeichnet im Atlas eine Beziehung, in der etwas nicht lediglich übertragen oder wiederholt, sondern von einem eigenständigen Gegenüber aufgenommen und beantwortet wird. Die Antwort kann verstärken, abschwächen, umlenken oder verwandeln; sie bleibt deshalb grundsätzlich nur begrenzt vorhersehbar. Vom akustischen Mitschwingen ausgehend wird der Begriff auf sprachliche und ästhetische Vorgänge erweitert: Ein Wort ruft eine Erinnerung auf, eine Form antwortet auf eine frühere Form, eine Stimme verändert die Haltung einer anderen. Entscheidend ist, dass Differenz bestehen bleibt. Wo nur Gleichförmigkeit, mechanische Wiederholung oder erzwungene Zustimmung herrscht, entsteht keine Resonanz im hier gemeinten Sinn.
Denkbewegung
1. Etwas trifft auf einen Raum, einen Text oder ein Gegenüber. 2. Das Empfangende reagiert aus seiner eigenen Beschaffenheit heraus. 3. Die Antwort kehrt verändert zurück und macht weitere Ebenen hörbar oder sichtbar. 4. Beide Seiten behalten ihre Differenz, sind nach der Begegnung aber nicht mehr völlig dieselben. 5. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun weniger auf einzelne Dinge als auf die antwortende Beziehung zwischen ihnen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
In einer intertextuellen oder gesprächsanalytischen Untersuchung kann geprüft werden, welche frühere Form aufgenommen wird, welche beobachtbare Antwort folgt und worin die Bedeutungsveränderung besteht. Dadurch lässt sich Resonanz von bloßer Wiederkehr, Korrelation oder behaupteter Wirkung unterscheiden.
Beispiel
In einer späteren Abschiedsszene erscheint erneut das Zugmotiv aus dem Beginn. Es wiederholt nicht bloß die frühere Reise, sondern lässt sie unter dem Eindruck des Abschieds anders hörbar werden.
Gegenbeispiel
Wird ein Satz unverändert kopiert, ohne dass ein anderer Kontext oder ein Gegenüber ihn neu beantwortet, liegt Wiederholung vor, aber noch keine Resonanz.
Abgrenzung
Nicht mit Echo, Wiederholung oder Harmonie gleichsetzen. Ein Echo kehrt zurück, Wiederholung reproduziert und Harmonie betont Übereinstimmung; Resonanz verlangt ein antwortfähiges Gegenüber und kann auch Spannung oder Widerspruch tragen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Der Begriff verschiebt Analyse von linearer Ursache und isoliertem Zeichen zu Antwort, Nachhall und wechselseitiger Veränderung.
Resonanz
Resonanz ist hier zugleich Gegenstand und Methode: Der Atlas fragt, welche Begriffe einander antworten können, ohne miteinander gleichgesetzt zu werden.
Etymologie
fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen
Provenienz
ATLAS_241 Restfalltriage → ATLAS_244 kontrollierte Integration → ATLAS_247 bilinguale redaktionelle Erweiterung und eigenständige Visualisierung
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Resonanz“. Atlas der Sprache, AT-CORE-244-007. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-244-007Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bergson erläutert in Laughter III emotionale Teilnahme mit einer musikalischen Vergleichsfigur: Eine Stimmung kann weitere Ebenen einer Person mit ansprechen. Komische Distanz setzt er dazu in Spannung. Diese Passage bezeugt eine resonanzähnliche Erklärung, aber keine direkte Herkunft des umfassenden Atlasbegriffs. Aus dem Bild folgt auch kein physikalischer oder neurologischer Mechanismus. Die Quelle hilft, beantwortende Aufnahme von unbeteiligter Beobachtung zu unterscheiden; ob eine Begegnung beide Seiten verändert, muss die Atlasanwendung selbst zeigen. Wortgeschichte und spätere philosophische Fachverwendung bleiben gesonderte Aufgaben.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Metaphorisches Mitschwingen, messbare Schwingung und eine beantwortende Beziehung dürfen nicht als identisch behandelt werden.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Henri Bergson, Laughter, authorised English translation by Cloudesley Brereton and Fred Rothwell; Gutenberg transcription, print edition date not established · Chapter III: emotional participation and musical overtones
Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Authorised English translation; the original French and print edition have not been collated. Bergson’s general theory of comedy is an attributed philosophical account, not an experimentally established universal law.