Vertiefung
Kongruenzattraktion ist ein Verarbeitungsphänomen, bei dem ein grammatisch nicht kongruenzsteuerndes, aber nahes Element die Form oder Beurteilung einer Kongruenzbeziehung beeinflusst. In einer komplexen Nominalphrase kann etwa ein plurales eingebettetes Nomen die Produktion eines pluralen Verbs begünstigen, obwohl der singuläre Kopf das Subjekt bildet. Die Abweichung zeigt nicht notwendig eine andere Grammatik; sie kann aus Konkurrenz in Planung, Abruf und Merkmalszuordnung entstehen. Die Denkbewegung bestimmt zuerst den echten Kontrolleur, verfolgt dann störende Merkmale benachbarter Elemente und prüft experimentell, wann ihre Ähnlichkeit oder Position die Fehlbindung verstärkt.
Denkbewegung
1. Eine Konstruktion legt grammatisch fest, welches Element die Kongruenzmerkmale des Ziels kontrolliert. 2. Ein nahes, strukturell unzuständiges Element trägt ein konkurrierendes Personen-, Numerus- oder Genusmerkmal. 3. Bei Produktion oder Verarbeitung wird dieses Merkmal vorübergehend abgerufen und dem Ziel fälschlich zugeordnet. 4. Die Gegenprobe variiert Struktur und Merkmale, um Attraktion von Dialektgrammatik und einfachem Tippfehler zu trennen. 5. Das Fehlermuster zeigt, wie hierarchische Abhängigkeit und lineare Nähe im Sprachverarbeitungssystem konkurrieren.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Psycholinguistik und Syntaxforschung messen Attraktion in Satzergänzung, Lesezeit und Akzeptabilität. Faktorielle Designs variieren Zahlmerkmale, Hierarchie, Abstand und semantische Plausibilität der potenziellen Attraktoren.
Beispiel
In »Der Schlüssel zu den Schränken …« kann die Nähe des Plurals »Schränken« irrtümlich ein plurales Verb begünstigen, obwohl der singuläre Kopf »Schlüssel« die Kongruenz kontrolliert.
Gegenbeispiel
Eine konsequente regionale Kongruenzform ist keine bloße Attraktion, wenn sie zur stabilen Grammatik der Varietät gehört. Auch ein zufälliger Schreibfehler ohne Einfluss eines konkurrierenden Nomens liefert keinen Nachweis.
Abgrenzung
Von regulärer semantischer Kongruenz, varietätenspezifischen Regeln, bloßer Nähe und zufälligen Performanzfehlern unterscheiden. Attraktion verlangt einen identifizierbaren konkurrierenden Merkmalsträger.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Kongruenzattraktion legt verborgene Konkurrenz bei Planung und Abruf offen. Sie erklärt systematische Fehlerwahrscheinlichkeiten, ohne die zugrunde liegende hierarchische Kongruenzregel aufzugeben.
Resonanz
Ein nahes, aber unzuständiges Merkmal zieht die Form kurz in seine Richtung. Grammatische Hierarchie und lineare Nachbarschaft erzeugen ein messbares Spannungsfeld.
Etymologie
Fachterminus · genealogische Vertiefung in ATLAS_120
Provenienz
Syntax/Grammatik → Produktionsfehler → ATLAS_119
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kongruenzattraktion“. Atlas der Sprache, AT-119-023. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-023Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Jespersen erklärt auf Seite 191 unterschiedliche Numerusformen unter anderem durch den Einfluss benachbarter Ausdrücke. Seine Vergleiche von Zahl- und Mengenangaben zeigen, dass die Nähe zum Wort für eins in verschiedenen Sprachen unterschiedlich wirken kann. Er nennt dafür ausdrücklich attraction. Die Passage dokumentiert eine historische Erklärung grammatischer Formwahl, aber noch keine vollständige Theorie der heute experimentell untersuchten Kongruenzfehler. Für den Atlas ist zu prüfen, ob eine Form dem grammatischen Bezugselement oder einem konkurrierenden nahen Hinweis folgt. Das englische Atlaslemma Congruence attraction bleibt gegenüber agreement attraction terminologisch zu prüfen; der historische Text entscheidet diese Benennungsfrage nicht.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Bestimme das grammatische Bezugselement und den konkurrierenden Hinweis getrennt. Nähe kann eine Formwahl beeinflussen, ohne die vorgesehene Struktur zu ändern.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Otto Jespersen, The Philosophy of Grammar, work first published 1924; inspected later printing with November 1934 afterword, exact printing year unresolved · Chapter XIV, The Normal Plural, printed p. 191
Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. OCR of a later printing containing a 1934 afterword. The catalogue’s 1924 date identifies the work’s first publication, not the inspected copy. Historical judgments about languages and social groups require critical distance.