ATLAS DER SPRACHE

AT-119-023 · ATLAS 260

Kongruenzattraktion

Beeinflussung der Kongruenz durch ein nahes, aber grammatisch unzuständiges Element.

Teil des Themenwegs Syntax und Grammatik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Kongruenzattraktion untersucht die Konkurrenz eines nahen Merkmalsträgers mit der grammatisch maßgeblichen Einheit. Der Eintrag erschließt systematische Verarbeitung statt bloßer Zufallsfehler; die englische Benennung ist für diesen spezifischen Agreement-Befund zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Kongruenzattraktion ist ein Verarbeitungsphänomen, bei dem ein grammatisch nicht kongruenzsteuerndes, aber nahes Element die Form oder Beurteilung einer Kongruenzbeziehung beeinflusst. In einer komplexen Nominalphrase kann etwa ein plurales eingebettetes Nomen die Produktion eines pluralen Verbs begünstigen, obwohl der singuläre Kopf das Subjekt bildet. Die Abweichung zeigt nicht notwendig eine andere Grammatik; sie kann aus Konkurrenz in Planung, Abruf und Merkmalszuordnung entstehen. Die Denkbewegung bestimmt zuerst den echten Kontrolleur, verfolgt dann störende Merkmale benachbarter Elemente und prüft experimentell, wann ihre Ähnlichkeit oder Position die Fehlbindung verstärkt.

Denkbewegung

1. Eine Konstruktion legt grammatisch fest, welches Element die Kongruenzmerkmale des Ziels kontrolliert. 2. Ein nahes, strukturell unzuständiges Element trägt ein konkurrierendes Personen-, Numerus- oder Genusmerkmal. 3. Bei Produktion oder Verarbeitung wird dieses Merkmal vorübergehend abgerufen und dem Ziel fälschlich zugeordnet. 4. Die Gegenprobe variiert Struktur und Merkmale, um Attraktion von Dialektgrammatik und einfachem Tippfehler zu trennen. 5. Das Fehlermuster zeigt, wie hierarchische Abhängigkeit und lineare Nähe im Sprachverarbeitungssystem konkurrieren.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Psycholinguistik und Syntaxforschung messen Attraktion in Satzergänzung, Lesezeit und Akzeptabilität. Faktorielle Designs variieren Zahlmerkmale, Hierarchie, Abstand und semantische Plausibilität der potenziellen Attraktoren.

Beispiel

In »Der Schlüssel zu den Schränken …« kann die Nähe des Plurals »Schränken« irrtümlich ein plurales Verb begünstigen, obwohl der singuläre Kopf »Schlüssel« die Kongruenz kontrolliert.

Gegenbeispiel

Eine konsequente regionale Kongruenzform ist keine bloße Attraktion, wenn sie zur stabilen Grammatik der Varietät gehört. Auch ein zufälliger Schreibfehler ohne Einfluss eines konkurrierenden Nomens liefert keinen Nachweis.

Abgrenzung

Von regulärer semantischer Kongruenz, varietätenspezifischen Regeln, bloßer Nähe und zufälligen Performanzfehlern unterscheiden. Attraktion verlangt einen identifizierbaren konkurrierenden Merkmalsträger.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Kongruenzattraktion legt verborgene Konkurrenz bei Planung und Abruf offen. Sie erklärt systematische Fehlerwahrscheinlichkeiten, ohne die zugrunde liegende hierarchische Kongruenzregel aufzugeben.

Resonanz

Ein nahes, aber unzuständiges Merkmal zieht die Form kurz in seine Richtung. Grammatische Hierarchie und lineare Nachbarschaft erzeugen ein messbares Spannungsfeld.

Etymologie

Fachterminus · genealogische Vertiefung in ATLAS_120

Provenienz

Syntax/Grammatik → Produktionsfehler → ATLAS_119

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kongruenzattraktion“. Atlas der Sprache, AT-119-023. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-023

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-023

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Historischer Hintergrund

Jespersen erklärt auf Seite 191 unterschiedliche Numerusformen unter anderem durch den Einfluss benachbarter Ausdrücke. Seine Vergleiche von Zahl- und Mengenangaben zeigen, dass die Nähe zum Wort für eins in verschiedenen Sprachen unterschiedlich wirken kann. Er nennt dafür ausdrücklich attraction. Die Passage dokumentiert eine historische Erklärung grammatischer Formwahl, aber noch keine vollständige Theorie der heute experimentell untersuchten Kongruenzfehler. Für den Atlas ist zu prüfen, ob eine Form dem grammatischen Bezugselement oder einem konkurrierenden nahen Hinweis folgt. Das englische Atlaslemma Congruence attraction bleibt gegenüber agreement attraction terminologisch zu prüfen; der historische Text entscheidet diese Benennungsfrage nicht.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Bestimme das grammatische Bezugselement und den konkurrierenden Hinweis getrennt. Nähe kann eine Formwahl beeinflussen, ohne die vorgesehene Struktur zu ändern.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.