Vertiefung
Eine Kontrollkonstruktion enthält typischerweise einen Infinitiv mit unausgedrücktem Subjekt, dessen Referenz durch ein Argument des übergeordneten Satzes bestimmt wird. In „Mira verspricht, zu kommen“ wird Mira sowohl vom Verb versprechen semantisch ausgewählt als auch als verstandene Handelnde von kommen interpretiert. Je nach Prädikat kontrolliert das Subjekt, das Objekt oder ein durch den Kontext bestimmter Teilnehmer. Die Analyse verbindet somit lexikalische Bedeutung, unausgesprochene Struktur und Referenz. Die Denkbewegung fragt, wer im Infinitiv handelt, wodurch diese Zuordnung lizenziert wird und ob sie obligatorisch, variabel oder allgemein verstanden ist. Gerade der Vergleich mit Raising verhindert, eine bloße Oberflächenähnlichkeit als gleiche Struktur zu behandeln.
Denkbewegung
1. Das unausgedrückte Subjekt des Infinitivs wird als eigenständige Interpretationsstelle erkannt. 2. Mögliche Bezugsausdrücke im übergeordneten Satz werden anhand der Verbbedeutung geprüft. 3. Subjekt-, Objekt- und arbiträre Kontrolle werden durch Kontrastbeispiele unterschieden. 4. Expletiva, Passivierung und Bedeutungsparaphrasen testen eine eigene höhere Rollenbeziehung. 5. Die Analyse legt fest, wie Syntax, Lexikon und Kontext die Referenz gemeinsam bestimmen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Syntax, Semantik und Spracherwerbsforschung untersuchen Kontrollkonstruktionen über Prädikatsklassen, Interpretationsurteile und Korpusmuster. Mehrsprachige Forschung prüft, ob Kontrolle durch Nullsubjekte, Kasus oder andere Strukturen realisiert wird.
Beispiel
In „Die Ärztin bittet den Besucher zu warten“ wird der Besucher als Adressat von bitten und zugleich als unausgedrücktes Subjekt von warten verstanden. Das Objekt des Hauptsatzes kontrolliert damit die Infinitivstelle.
Gegenbeispiel
Dass eine höhere Nominalphrase vor einem Infinitiv steht, beweist keine Kontrolle. Wenn das höhere Prädikat keine eigene semantische Rolle zuweist und sogar ein Expletiv zulässt, ist Raising die passendere Analyse.
Abgrenzung
Von Raising, Ellipse und bloßer Koreferenz unterscheiden. Bei Kontrolle erhält der Bezugsausdruck eine Rolle vom höheren Prädikat, während eine mitverstandene Subjektstelle im Infinitiv eine weitere Rolle trägt.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Kontrolle ermöglicht, denselben Beteiligten über zwei Prädikationen hinweg zu verstehen, ohne ihn zweimal auszusprechen. Sie verdichtet Satzstruktur und macht lexikalische Erwartungen für Referenz nutzbar.
Resonanz
Ein ausgesprochener Teilnehmer wirkt in einen unausgesprochenen Satzraum hinein. Seine Referenz setzt sich fort und gibt der leeren Subjektstelle Richtung und Handlungsträger.
Etymologie
internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung
Provenienz
Syntax/Grammatik → Unsichtbares Subjekt → Quellenabgleich → ATLAS_133
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kontrollkonstruktion“. Atlas der Sprache, AT-133-023. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-023Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Jespersen behandelt Infinitivverbindungen als Nexus und untersucht, wie ihre Prädikation in den Hauptsatz eingeht. Er bespricht unter anderem Konstruktionen mit scheinen und entsprechende englische und französische Formen. Das sind wichtige historische Analysen infinitivischer Abhängigkeit, jedoch keine direkte Quelle der späteren Kontrolltheorie. Gerade die Beispiele mit scheinen gehören im heutigen Vergleich zur Anhebung, während das Atlasprofil das unausgedrückte Subjekt eines Infinitivs betrifft. Gelesen wurde die OCR eines späteren Drucks; die begriffliche Grenze zum modernen Modell wird ausdrücklich beibehalten.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Bei Kontrollkonstruktionen den Kontrolleur und das unausgedrückte Infinitivsubjekt bestimmen. Zusätzlich prüfen, ob das übergeordnete Verb seinem ausgesprochenen Argument eine eigene semantische Rolle gibt; so lässt sich Kontrolle von Anhebung unterscheiden.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Otto Jespersen, The Philosophy of Grammar, work first published 1924; inspected later printing with November 1934 afterword, exact printing year unresolved · Chapter IX, infinitival nexus and nexus-object, printed pp. 119–123
Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. OCR of a later printing containing a 1934 afterword. The catalogue’s 1924 date identifies the work’s first publication, not the inspected copy. Historical judgments about languages and social groups require critical distance.