ATLAS DER SPRACHE

AT-METZ3-0001 · ATLAS 260

Katachrese

Kühne, spannungsreiche oder notwendige Übertragung eines Ausdrucks in einen nicht wörtlich passenden Bereich.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Katachrese führt an die Grenze vorhandener Benennungen: Ein Ausdruck kann eine Bezeichnungslücke schließen oder durch eine auffällige Bildverbindung Erwartungen verletzen. Der Eintrag ist erkenntnisreich, weil er die spätere Unauffälligkeit einer Übertragung mit ihrer möglichen anfänglichen Kühnheit in Beziehung setzt. Die beiden Begriffsverwendungen müssen dabei getrennt erkennbar bleiben.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Katachrese bezeichnet eine sprachliche Übertragung, die als notwendig, kühn oder regelwidrig empfunden werden kann. In einer klassischen Bedeutung füllt sie eine Benennungslücke, etwa wenn der Fuß eines Berges mit einem Körperwort bezeichnet wird. In einer anderen rhetorischen Verwendung benennt sie eine auffällige oder widersprüchliche Bildverbindung, die etablierte Selektionsregeln verletzt. Diese beiden Traditionen dürfen nicht unbemerkt vermischt werden: Die lexikalisierte Lückenfüllung kann vollkommen unauffällig sein, während der expressive Bildbruch gerade durch Spannung wirkt. Übergänge entstehen, wenn eine einst kühne Benennung konventionalisiert wird. Die Denkbewegung führt Sprache an eine Grenze, an der ein vorhandenes Wort in einen neuen Bereich übertritt, weil eine Bezeichnung fehlt oder weil gerade die Reibung zwischen Bereichen Erkenntnis erzeugen soll.

Denkbewegung

1. Ein Gegenstand, Teil oder Zusammenhang entzieht sich zunächst einer verfügbaren wörtlichen und etablierten Benennung. 2. Ein Ausdruck aus einem anderen Bedeutungsbereich wird übertragen und stellt eine zunächst gespannte Verbindung her. 3. Der Gebrauch füllt entweder die lexikalische Lücke oder macht die Unvereinbarkeit der verbundenen Bilder produktiv sichtbar. 4. Die Gegenprobe fragt, ob eine gewöhnliche Metapher, ein unbeabsichtigter Fehler, ein Bildbruch oder bereits konventionalisierte Benennung vorliegt. 5. Der neue Ausdruck kehrt in die Sprache zurück und kann zwischen auffälliger Grenzüberschreitung und unsichtbarer Alltagsbenennung wandern.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, historische Semantik, Lexikologie und Metaphernforschung können verfolgen, wie Benennungslücken, Konventionalisierung und expressive Normverletzung zusammenhängen. Analysen sollten stets angeben, welcher Katachresebegriff verwendet wird.

Beispiel

Die »Tischbeine« benennen notwendigerweise tragende Teile mit einem Körperwort; dagegen lässt »am Zahn der Zeit zerschellen« zwei Bildbereiche demonstrativ kollidieren. Beide illustrieren verschiedene Traditionen des Begriffs.

Gegenbeispiel

Die Wendung »ein Meer von Lichtern« überträgt einen Ausdruck anschaulich, obwohl zahlreiche andere Benennungen verfügbar sind und kein widersprüchlicher Bildanschluss entsteht. Nicht jede Metapher ist eine Katachrese.

Abgrenzung

Von Metapher allgemein, Malapropismus, Oxymoron, gemischter Metapher und Bildbruch unterscheiden. Zwischen notwendiger oder lexikalisierter Lückenfüllung und expressiver, normverletzender Katachrese ausdrücklich differenzieren.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Katachrese erweitert Benennbarkeit und kann unsichtbare begriffliche Übertragungen offenlegen. Als auffälliger Bildbruch stört sie Erwartung, erzeugt Reibung und kann dadurch Kritik oder neue Anschauung ermöglichen.

Resonanz

Wo ein Wort fehlt, greift Sprache über ihre vertraute Grenze. Manchmal wird die geliehene Form zum stillen Werkzeug, manchmal bleibt ihre Naht als funkelnder Bruch sichtbar.

Etymologie

internationale Fach- und Literaturtradition · Formgeschichte im Profil

Provenienz

Metzler I–M → Bestandsabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → ATLAS_178

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Katachrese“. Atlas der Sprache, AT-METZ3-0001. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ3-0001

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ3-0001

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullinger beschreibt Catachresis 1898 als Übertragung eines Wortes gegen seinen gewöhnlichen Gebrauch auf einen nur entfernt verbundenen Gegenstand (S.674). Er grenzt die Kategorie von engeren Relationen in Metonymie, Synekdoche und Hendiadys ab und lässt auffällige Unvereinbarkeit auch als wirksames Mittel gelten. Sein Hinweis auf eine durch Übersetzung eingeführte Unstimmigkeit zeigt zudem, dass eine Figur dem Übersetzungstext angehören kann; die angeführten Originalstellen wurden hier nicht zusätzlich kollationiert. Für unser Atlasprofil stützt dieser Zeuge vor allem die spannungsreiche Übertragung. Er belegt nicht zugleich eine vollständige Theorie notwendiger Benennungen für etwas, dem eine eigene Bezeichnung fehlt. Dieser weitere Aspekt der Atlasdefinition darf ihm deshalb nicht zugeschrieben werden. Die Quelle hilft, einen Gebrauchskonflikt zu erkennen, ohne jeden solchen Konflikt als misslungene Sprache abzuurteilen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir bestimmen zuerst, welcher gewöhnliche Gebrauch überschritten wird, und danach, was die Übertragung sichtbar macht. Unser eigenes Beispiel „Die Diskussion hat ein rostiges Scharnier“ kann einen stockenden Übergang zwischen zwei Argumenten veranschaulichen. Ob es trägt, entscheidet der nachvollziehbare Zusammenhang, nicht die bloße Fremdheit des Bildes. Die Frage nach einer notwendigen Ersatzbenennung ist davon getrennt zu behandeln.