ATLAS DER SPRACHE

AT-METZ2-0009 · ATLAS 260

Diskursdeixis

Deiktischer Verweis auf Teile, Übergänge oder Stellen des gerade entstehenden Diskurses.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Diskursdeixis liefert das Analyseinstrument für Verweise auf Stellen und Bewegungen des laufenden Sprechens. Referenz auf einen bereits genannten Gegenstand ist gesondert als Anapher zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Diskursdeixis ist der deiktische Verweis auf eine Stelle, einen Abschnitt oder einen noch entstehenden Teil des laufenden Diskurses. Wendungen wie »wie oben gezeigt«, »darauf komme ich gleich zurück« oder »das war missverständlich« behandeln Rede und Text als orientierbaren Raum. Anders als gewöhnliche Anapher greift der Verweis nicht notwendig einen nominalen Referenten wieder auf; er kann eine ganze Äußerung, ein Argument oder den Sprechakt selbst anzeigen. Seine Auslegung hängt vom Äußerungszeitpunkt, Medium und gemeinsamen Diskursstand ab: »hier« bedeutet in Vortrag, Chat und Buch Unterschiedliches. Der Begriff macht sichtbar, wie Sprache ihre eigene zeitliche und räumliche Entfaltung kartiert und Teilnehmenden ermöglicht, gemeinsam vor- und zurückzugreifen, zu reparieren und komplexe Textbewegungen zu koordinieren.

Denkbewegung

1. Ein Diskurs entfaltet sich zunächst als zeitliche oder schriftlich-räumliche Folge, deren Teile für Beteiligte unterschiedlich zugänglich sein können. 2. Ein deiktischer Ausdruck setzt den gegenwärtigen Äußerungsort als Orientierungspunkt und weist von ihm auf eine Diskursstelle voraus oder zurück. 3. Adressaten bestimmen aus Medium, Gliederung und gemeinsamem Verlauf, ob ein Wortlaut, Argument, Abschnitt oder Sprechakt gemeint ist. 4. Die Gegenprobe trennt diese indexikalische Orientierung von rein anaphorischer Koreferenz, gewöhnlicher Raumdeixis, Zitat und metasprachlicher Benennung. 5. Der Diskurs gewinnt eine Karte seiner selbst: Frühere und kommende Teile werden vom jeweiligen Jetzt aus erneut erreichbar und bearbeitbar.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Pragmatik, Textlinguistik und Mensch-Computer-Interaktion annotieren Zielspanne, Richtung, Medium und Reparaturfunktion diskursdeiktischer Ausdrücke. Vergleiche zwischen Rede, Hypertext und Chat zeigen veränderte Orientierungszentren.

Beispiel

Eine Vortragende sagt: »Mit ›Grenze‹ meine ich hier nicht die Staatslinie; auf diese Unterscheidung komme ich im letzten Abschnitt zurück.«

Gegenbeispiel

In »Anna nahm das Buch. Sie öffnete es« beziehen sich Pronomen auf zuvor genannte Gegenstände. Ohne Verweis auf eine Diskursstelle oder Äußerung liegt gewöhnliche Anapher vor.

Abgrenzung

Von Anapher und Koreferenz, Raum- und Zeitdeixis auf außersprachliche Situationen, Metasprache, Zitat, Kapitelverweis als konventionalisierter Dokumentnavigation und Diskursmarker unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Diskursdeixis schafft Navigation im laufenden Text, unterstützt Kohäsion und Reparatur und macht komplexe Argumente als gemeinsam zugängliche Stellenfolge handhabbar.

Resonanz

Die Rede zeigt auf ihre eigene Spur; ein gegenwärtiges Wort berührt Vergangenes oder Kommendes und hält entfernte Stellen im gemeinsamen Aufmerksamkeitsraum.

Etymologie

deutsche/internationale Fachsprache · Formgeschichte im Profil

Provenienz

Metzler-Suchfeld → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → Text- und Gesprächsraum → ATLAS_177

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Diskursdeixis“. Atlas der Sprache, AT-METZ2-0009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ2-0009

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ2-0009

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Historischer Hintergrund

Fillmores Vorlesungsseite Deixis II erklärt Diskursdeixis durch Ausdrücke für Teile des laufenden Diskurses. Räumliche und zeitliche Orientierung werden auf früher und später stehende Textstücke übertragen; zugleich unterscheidet er Kodierungs- und Verstehenszeit. Beispiele wie in the last paragraph machen den Text zu einem begehbaren Bezugsraum. Gelesen wurde die konkrete Scanseite, deren Editionsjahr nicht gesichert ist. Eine deutsche Rezeptionsgeschichte folgt daraus nicht.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Zu prüfen ist der Verweis auf Diskursteile, nicht bloß ein Pronomen für einen erwähnten Gegenstand.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • B-FILLMORE · Lectures on Deixis, DeixisII opening p.103 / PDF14 right half; scan visually read
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.