ATLAS DER SPRACHE

AT-METZ2-0003 · ATLAS 260

Constructio ad sensum

Grammatische Übereinstimmung mit dem Gemeinten statt mit der sichtbaren Form des Bezugswortes.

Teil des Themenwegs Syntax und Grammatik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Constructio ad sensum erschließt die Spannung zwischen formaler Kongruenz und semantisch geleiteter Übereinstimmung. Die jeweilige Sprachnorm entscheidet mit, ob ein Beleg eine mögliche Konstruktion oder einen Fehler zeigt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Constructio ad sensum, auch Synesis, ist eine Kongruenzbildung, die sich nach dem gemeinten Inhalt statt ausschließlich nach den formalen Merkmalen eines Bezugswortes richtet. Ein grammatisch singularisches Kollektivum kann etwa eine pluralische Fortführung auslösen, weil die bezeichneten Mitglieder konzeptuell als Mehrzahl präsent sind. Ähnlich können natürliches Geschlecht, Sprecherperspektive oder semantische Nähe die Übereinstimmung beeinflussen. Nicht jede inkongruente Form ist deshalb ein Fehler, doch auch nicht jede Abweichung lässt sich als Synesis rechtfertigen: Erforderlich ist eine nachvollziehbare semantische Steuerung, die im jeweiligen Sprachsystem und Kontext lizenziert oder zumindest interpretierbar ist. Der Begriff macht eine Konkurrenz sichtbar, in der morphologische Form und vorgestellte Referenz unterschiedliche Kongruenzsignale anbieten und Verstehen zwischen beiden vermittelt.

Denkbewegung

1. Ein Bezugswort stellt zunächst formale Merkmale wie Numerus oder Genus für die grammatische Kongruenz bereit. 2. Sein gemeinter Referent aktiviert jedoch eine abweichende Mehrzahl, ein natürliches Geschlecht oder eine andere semantische Gliederung. 3. Die abhängige Form folgt diesem konzeptuellen Bild und macht die inhaltliche Struktur stärker als die sichtbare Morphologie. 4. Die Gegenprobe verlangt eine rekonstruierbare Bedeutungssteuerung und trennt Synesis von Kongruenzfehler, Anakoluth, Enallage und bloßer Variation. 5. Der Satz kehrt als Aushandlung zwischen Form und Vorstellung zurück; seine Grammatik zeigt, wie Sprecher den bezeichneten Gegenstand konzipieren.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Syntax, Semantik und Korpuslinguistik untersuchen Kongruenzalternationen nach Kollektivität, Distanz, Register und Varietät. Akzeptabilitätsstudien prüfen systematische Lizenzierung.

Beispiel

»Das Team haben ihre Plätze eingenommen« richtet Verb und Pronomen nach den gemeinten Mitgliedern, obwohl das Kollektivum formal im Singular steht.

Gegenbeispiel

»Die Menschen kamen und blieben« zeigt reguläre Pluralkongruenz zwischen pluralischem Ausdruck und Verb. Wo Form und gemeinter Numerus übereinstimmen, liegt keine Constructio ad sensum vor.

Abgrenzung

Von formaler Kongruenz, Synkretismus, Enallage, Antiptosis, Anakoluth, Attraction, Kollektivum und zufälligem Kongruenzfehler unterscheiden; sprachspezifische Normen beachten.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Constructio ad sensum lässt begriffliche Gliederung grammatisch hervortreten, kann Referenten angemessener profilieren und zeigt zugleich Grenzen zwischen Norm, Variation und Verarbeitung.

Resonanz

Die sichtbare Form spricht im Singular, die vorgestellte Gruppe antwortet im Plural; der Satz entscheidet, welcher Stimme seine Kongruenz folgt.

Etymologie

deutsche/internationale Fachsprache · Formgeschichte im Profil

Provenienz

Metzler-Suchfeld → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → Kongruenz und Sinn → ATLAS_177

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Constructio ad sensum“. Atlas der Sprache, AT-METZ2-0003. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ2-0003

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ2-0003

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Historischer Hintergrund

Bullingers historische Darstellung behandelt Fälle, in denen das aus dem Referenten erschlossene Numerus-, Genus- oder Personmerkmal die Kongruenz beeinflusst. Das Phänomen ist daher weder bloße Nachlässigkeit noch willkürliche Ausnahme von Grammatik. Zugleich müssen seine Auslegungen einzelner biblischer Konstruktionen gesondert geprüft und dürfen nicht aufgrund religiöser Autorität übernommen werden. Für den Atlas liegt der Wert darin, dass sprachliche Form auf eine verstandene Situation bezogen wird. Diese Relation kann eine Konstruktion erklären, ohne jede Abweichung in jedem Register akzeptabel zu machen. Das englische synesis, die griechisch abgeleitete syllepsis und constructio ad sensum ordnen benachbarte Beschreibungen. Ihr gemeinsames Feld ist zu dokumentieren; die rhetorische Syllepsis zweier Bedeutungen eines Ausdrucks bleibt ein anderer Zweig.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Constructio ad sensum erklärt Kongruenz nach verstandenem Referenten statt rein formaler Vorgabe; sie ist von rhetorischer Syllepsis und pauschaler Lizenz für Abweichungen zu trennen.