ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR9-0009 · ATLAS 260

Chreia

Knapp ausgearbeitete Erinnerung an einen Ausspruch oder eine Handlung einer bestimmten Person mit exemplarischem Sinn.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Chreia zeigt, wie eine knappe personengebundene Erinnerung exemplarischen Sinn gewinnt und als Ausgangspunkt weiterer Ausarbeitung dient. Eine Gnome braucht keine Person, während die knappe Erinnerung hier an deren Ausspruch oder Handlung gebunden bleibt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Chreia ist eine knappe, auf eine bestimmte Person bezogene Darstellung eines Ausspruchs oder einer Handlung mit exemplarischem Sinn. Person, Anlass und prägnante Reaktion bilden eine lehrbare Miniatur, die in rhetorischer Ausbildung erweitert, begründet, widerlegt oder auf neue Situationen übertragen werden konnte. Ihre Erinnerbarkeit beruht auf der Verbindung von Gedanke und verkörperter Szene. Gerade deshalb muss die Analyse historische Zuschreibung und didaktische Formung trennen: Eine wirksame Chreia kann kulturell wahr sein, ohne wörtlich dokumentiert zu sein. Untersucht werden Quelle, Varianten, Pointe und die Norm, die aus dem Einzelfall gewonnen werden soll.

Denkbewegung

1. Person, Situation, Ausspruch oder Handlung und die zugeschriebene Pointe werden getrennt rekonstruiert. 2. Quellen und Varianten zeigen, welche Teile historisch belegt und welche didaktisch geformt sind. 3. Der exemplarische Schluss wird als Wert, Regel, Klugheitslehre oder Gegenbild ausdrücklich formuliert. 4. Ein abweichender Kontext prüft, ob die Lehre übertragbar ist oder an der Einzelszene hängt. 5. Die Analyse kehrt zur Miniatur zurück und hält Verkörperung, Erinnerungswert und Unsicherheit gemeinsam fest.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorikgeschichte, klassische Philologie, Pädagogik, Erinnerungs- und Rezeptionsforschung analysieren Chreiai durch Varianten- und Zuschreibungskritik. Sie zeigen, wie Lehrtraditionen Personen zu Trägern transportabler Denkfiguren formen.

Beispiel

Als man die Kartographin nach der fertigen Karte fragte, zeigte sie auf den offenen Rand: „Dort beginnt der Atlas.“ Die Szene macht methodische Offenheit als merkbare Haltung anschaulich.

Gegenbeispiel

Ein Aphorismus ohne Person und Situation, eine beliebige Anekdote oder jedes Exemplum ist keine Chreia. Der knappe Ausspruch oder die Handlung einer bestimmten Person muss exemplarisch ausgearbeitet sein.

Abgrenzung

Von Exemplum, Anekdote, Apophthegma und Gnome unterscheiden. Chreia ist knapp, personengebunden und exemplarisch ausarbeitbar; ein Exemplum kann breiter erzählt sein, eine Gnome benötigt keine konkrete Person.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Chreia gibt abstrakter Einsicht Körper, Stimme und Situation und erhöht dadurch Lehrbarkeit und Erinnerung. Sie kann zugleich komplexe Biographien zu moralischen Miniaturen vereinfachen und erfundene Autorität erzeugen.

Resonanz

Ein Gedanke erhält Körper, Stimme und einen konkreten Augenblick. Bei jeder Wiedererzählung klingt die Szene neu an und trägt ihre Lehre in einen anderen Kontext weiter.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Lehr- und Erinnerungsfiguren → ATLAS_154

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Chreia“. Atlas der Sprache, AT-HAR9-0009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0009

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0009

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullinger unterscheidet eine allgemein akzeptierte Sentenz ohne benannten Urheber von einem einer Person zugeschriebenen Ausspruch und nennt Letzteres Chreia. Diese Handbuchgrenze von 1898 umfasst nicht die gesamte Geschichte antiker Bildungsübungen. Sie zeigt aber, wie Zuschreibung das Verstehen verändert: Neben die Aussage tritt eine aufgerufene Person als Autorität. Das Ausarbeiten eines Ausspruchs und das bloße Zitieren seines vermeintlichen Urhebers bleiben verschiedene Aufgaben.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir fragen, ob die Namensnennung relevanten Zusammenhang liefert oder nur Prestige an die Stelle der Prüfung setzt. Berühmtheit beweist den Satz nicht.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • E. W. Bullinger, Figures of Speech Used in the Bible (1898), Cornell scan · PDF p. 834: Gnome, Noema and Chreia

    Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Uncorrected scan text layer; page numbers are PDF pages. Bullinger’s classifications and theological judgments are historical evidence, not a current consensus.

  • E. W. Bullinger, Figures of Speech Used in the Bible (1898), Cornell scan · PDF p. 834: Gnome, Noema and Chreia

    Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Uncorrected scan text layer; page numbers are PDF pages. Bullinger’s classifications and theological judgments are historical evidence, not a current consensus.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.