ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR7-0001 · ATLAS 260

Bdelygmia

Häufung abwertender Ausdrücke, die starken Abscheu sprachlich ausstellt.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Bdelygmia zeigt die kumulative Aufführung von Abscheu und macht die Steigerung einer negativen Haltung durch Ausdruckshäufung sichtbar. Diasyrmus arbeitet mit Lächerlichmachung, die nicht jede kumulative Ekelrede organisiert.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Bdelygmia stellt starken Abscheu durch eine Häufung abwertender, ekelerregender oder moralisch verwerfender Ausdrücke sprachlich aus. Die Figur beschreibt nicht nur ein negatives Urteil, sondern macht körperliche und affektive Zurückweisung selbst wahrnehmbar. Sie kann Gewalt, Korruption oder Verrat eindringlich verurteilen; ebenso kann sie Menschen entwürdigen und Ausschluss oder Verfolgung vorbereiten. Die Denkbewegung trennt Ziel, behauptete Eigenschaften und Affektvokabular, prüft die faktische Grundlage und fragt, ob sich der Ekel gegen Handlungen, Gegenstände oder die Existenz von Personen richtet. Gerade diese Zielrichtung ist für die ethische Beurteilung entscheidend.

Denkbewegung

1. Das genaue Ziel des Abscheus wird bestimmt: Handlung, Zustand, Symbol, Institution, Gruppe oder Person. 2. Die gehäuften Ausdrücke werden nach körperlichem Ekel, moralischer Verurteilung und sozialer Abwertung geordnet. 3. Behauptete Eigenschaften werden unabhängig vom Affekt auf Evidenz und Übertreibung geprüft. 4. Machtlage und Publikum zeigen, ob die Rede Widerstand mobilisiert oder ein Ziel entmenschlicht und isoliert. 5. Eine sachliche Verurteilung als Gegenprobe legt offen, welcher Beitrag aus Argument und welcher allein aus Abscheu stammt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Emotions-, Propaganda- und Hassrede-Forschung untersuchen Bdelygmia über Affektlexik, Akkumulation, Zieltyp und Entmenschlichung. Annotation sollte legitime moralische Verurteilung von gruppenbezogener Degradierung und belegte Kritik von erfundener Kontamination trennen.

Beispiel

Eine Umweltrede nennt die absichtliche Einleitung giftiger Abfälle „eine schmutzige, feige, wissentlich zerstörerische Praxis, die Krankheit hinter glänzenden Berichten versteckt“, und belegt anschließend jede Behauptung.

Gegenbeispiel

Eine einzelne scharfe Kritik oder die nüchterne Beschreibung eines ekelerregenden Zustands ist keine Bdelygmia. Erforderlich ist eine rhetorische Häufung, die Abscheu performativ steigert und auf ein Ziel richtet.

Abgrenzung

Von Diasyrmus, Chleuasie, Vituperatio und sachlicher Verurteilung unterscheiden. Bdelygmia ist besonders durch die kumulative Aufführung von Abscheu geprägt; Diasyrmus arbeitet stärker mit verächtlicher Lächerlichmachung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Bdelygmia kann moralische Dringlichkeit und gemeinschaftliche Abwehr gegen schädliche Handlungen verstärken. Gegen Personen oder Gruppen gerichtet kann sie Ekel als soziale Waffe einsetzen und die Schwelle zu Ausschluss oder Gewalt senken.

Resonanz

Abwertende Wörter verstärken einander, bis nicht nur ein Urteil, sondern eine körperlich wirkende Abstoßung entsteht. Dieser Affekt kann sich im Publikum ausbreiten und die Wahrnehmung des Ziels vollständig einfärben.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Affektfiguren → ATLAS_152

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Bdelygmia“. Atlas der Sprache, AT-HAR7-0001. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0001

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0001

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Peachams Handbuch von 1593 korrigiert eine mögliche Verengung auf lange Beschimpfungsreihen: Abscheu kann nach seiner Darstellung kurz oder ausführlich ausgedrückt werden. Gemeinsam ist die ablehnende Wertung einer Person, Äußerung, Tat oder Sache, nicht eine Mindestzahl von Schimpfwörtern. Er trennt außerdem eigenen Abscheu von dem Versuch, denselben beim Hörer hervorzurufen. Eine heutige Definition mit zwingender Häufung muss deshalb redaktionell geprüft werden.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir unterscheiden das Ausdrücken einer Wertung von ihrer Übertragung auf andere. Erfolgreich hervorgerufener Abscheu beweist nicht, dass der Gegenstand die Verurteilung verdient.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.