Vertiefung
Bdelygmia stellt starken Abscheu durch eine Häufung abwertender, ekelerregender oder moralisch verwerfender Ausdrücke sprachlich aus. Die Figur beschreibt nicht nur ein negatives Urteil, sondern macht körperliche und affektive Zurückweisung selbst wahrnehmbar. Sie kann Gewalt, Korruption oder Verrat eindringlich verurteilen; ebenso kann sie Menschen entwürdigen und Ausschluss oder Verfolgung vorbereiten. Die Denkbewegung trennt Ziel, behauptete Eigenschaften und Affektvokabular, prüft die faktische Grundlage und fragt, ob sich der Ekel gegen Handlungen, Gegenstände oder die Existenz von Personen richtet. Gerade diese Zielrichtung ist für die ethische Beurteilung entscheidend.
Denkbewegung
1. Das genaue Ziel des Abscheus wird bestimmt: Handlung, Zustand, Symbol, Institution, Gruppe oder Person. 2. Die gehäuften Ausdrücke werden nach körperlichem Ekel, moralischer Verurteilung und sozialer Abwertung geordnet. 3. Behauptete Eigenschaften werden unabhängig vom Affekt auf Evidenz und Übertreibung geprüft. 4. Machtlage und Publikum zeigen, ob die Rede Widerstand mobilisiert oder ein Ziel entmenschlicht und isoliert. 5. Eine sachliche Verurteilung als Gegenprobe legt offen, welcher Beitrag aus Argument und welcher allein aus Abscheu stammt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Emotions-, Propaganda- und Hassrede-Forschung untersuchen Bdelygmia über Affektlexik, Akkumulation, Zieltyp und Entmenschlichung. Annotation sollte legitime moralische Verurteilung von gruppenbezogener Degradierung und belegte Kritik von erfundener Kontamination trennen.
Beispiel
Eine Umweltrede nennt die absichtliche Einleitung giftiger Abfälle „eine schmutzige, feige, wissentlich zerstörerische Praxis, die Krankheit hinter glänzenden Berichten versteckt“, und belegt anschließend jede Behauptung.
Gegenbeispiel
Eine einzelne scharfe Kritik oder die nüchterne Beschreibung eines ekelerregenden Zustands ist keine Bdelygmia. Erforderlich ist eine rhetorische Häufung, die Abscheu performativ steigert und auf ein Ziel richtet.
Abgrenzung
Von Diasyrmus, Chleuasie, Vituperatio und sachlicher Verurteilung unterscheiden. Bdelygmia ist besonders durch die kumulative Aufführung von Abscheu geprägt; Diasyrmus arbeitet stärker mit verächtlicher Lächerlichmachung.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Bdelygmia kann moralische Dringlichkeit und gemeinschaftliche Abwehr gegen schädliche Handlungen verstärken. Gegen Personen oder Gruppen gerichtet kann sie Ekel als soziale Waffe einsetzen und die Schwelle zu Ausschluss oder Gewalt senken.
Resonanz
Abwertende Wörter verstärken einander, bis nicht nur ein Urteil, sondern eine körperlich wirkende Abstoßung entsteht. Dieser Affekt kann sich im Publikum ausbreiten und die Wahrnehmung des Ziels vollständig einfärben.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Affektfiguren → ATLAS_152
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Bdelygmia“. Atlas der Sprache, AT-HAR7-0001. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0001Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Peachams Handbuch von 1593 korrigiert eine mögliche Verengung auf lange Beschimpfungsreihen: Abscheu kann nach seiner Darstellung kurz oder ausführlich ausgedrückt werden. Gemeinsam ist die ablehnende Wertung einer Person, Äußerung, Tat oder Sache, nicht eine Mindestzahl von Schimpfwörtern. Er trennt außerdem eigenen Abscheu von dem Versuch, denselben beim Hörer hervorzurufen. Eine heutige Definition mit zwingender Häufung muss deshalb redaktionell geprüft werden.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir unterscheiden das Ausdrücken einer Wertung von ihrer Übertragung auf andere. Erfolgreich hervorgerufener Abscheu beweist nicht, dass der Gegenstand die Verurteilung verdient.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Schemates Rhetorical; Perseus transcription · Schemates Rhetorical, Bdelygmia
Selected historical passage, not a complete genealogy or an English first attestation. Atlas examples and present-day countertests are editorial applications. Historical English handbook inspected in transcription/text layer; its normative and religious assumptions are not adopted.
- Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Schemates Rhetorical; Perseus transcription · Schemates Rhetorical, Bdelygmia
Selected historical passage, not a complete genealogy or an English first attestation. Atlas examples and present-day countertests are editorial applications. Historical English handbook inspected in transcription/text layer; its normative and religious assumptions are not adopted.