ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR2-0010 · ATLAS 260

Cacosyntheton

Absichtlich oder auffällig fehlerhafte syntaktische Fügung.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Cacosyntheton erschließt auffällige syntaktische Fehlfügung als beschreibbare Formdiagnose, deren Absicht und jeweilige Norm getrennt zu prüfen sind. Anakoluth ist ein Konstruktionswechsel und muss nicht als dieselbe fehlerhafte Fügung analysiert werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Cacosyntheton bezeichnet eine auffällig misslungene oder absichtlich regelwidrige syntaktische Fügung. Wörter und Satzteile werden so verbunden, dass Kongruenz, Abhängigkeit, Stellung oder Bauplan gestört erscheinen. In normativer Figurenlehre kann der Begriff einen Fehler tadeln; in literarischer und rhetorischer Verwendung kann dieselbe Abweichung Überforderung, soziale Stimme, Widerstand gegen Glätte oder komische Verformung darstellen. Entscheidend ist die wahrnehmbare Störung einer erwarteten Konstruktion, nicht jede ungewöhnliche Syntax. Ein Anakoluth betrifft besonders den Abbruch oder Wechsel eines begonnenen Satzbaus, ein Solözismus allgemeiner den grammatischen Normverstoß. Der Begriff macht sichtbar, dass syntaktische Unbeholfenheit sowohl scheitern als auch gestaltet sein kann und dass ihre Deutung von Norm, Kontext, Stimme und möglicher Absicht abhängt.

Denkbewegung

1. Eine Äußerung eröffnet zunächst eine syntaktische Konstruktion, deren Abhängigkeiten, Kongruenzen oder Stellungsregeln einen erwartbaren Verlauf nahelegen. 2. Die Fügung verbindet Elemente in auffällig regelwidriger oder schwer anschließbarer Weise und lässt den Bauplan ins Stocken geraten. 3. Rezipierende entscheiden, ob sie Fehler, soziale Markierung, affektive Überlastung, Komik oder eine bewusst gestaltete Störung wahrnehmen. 4. Die Gegenprobe benennt die verletzte Konstruktion und trennt Cacosyntheton von Anakoluth, Ellipse, Hyperbaton, Solözismus allgemein und bloß komplexem Satzbau. 5. Die gestörte Form kehrt als interpretierbare Stimme zurück: Gerade der misslingende Anschluss kann Haltung, Situation oder Normkonflikt hörbar machen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Stilistik, Syntax und Editionsphilologie rekonstruieren Norm, Überlieferung und mögliche Funktion. Variantenvergleich und Kontextanalyse unterscheiden intendierte Störung von Schreibfehler, Sprachwandel und editorischer Beschädigung.

Beispiel

Eine Figur sagt: »Diese Regeln, denen kann doch keiner, wenn er ehrlich ist, sie wirklich folgen«, und die kollidierenden Anschlüsse inszenieren ihre Überforderung.

Gegenbeispiel

Ein grammatisch korrekter Satz verschiebt ein Satzglied zur Hervorhebung, bleibt aber vollständig analysierbar. Ungewöhnliche Wortstellung allein ist kein Cacosyntheton.

Abgrenzung

Von Anakoluth als Konstruktionswechsel, Solözismus als weiterem Normverstoß, Hyperbaton, Ellipse, Agrammatismus, syntaktischer Kontamination, Markiertheit und bloßer Komplexität unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Cacosyntheton unterbricht syntaktische Erwartung, kann Stimme und Affekt körperlich spürbar machen und lenkt Aufmerksamkeit auf die Norm, an der eine Fügung scheitert.

Resonanz

Ein Satz sucht seinen Anschluss und stößt auf die eigene Konstruktion; im Bruch wird die unsichtbare grammatische Erwartung plötzlich hörbar.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Einzelgenealogie in Vertiefung

Provenienz

Harjung-Register → Differenzabgleich → unabhängige Neufassung → Satzstörungsfiguren → ATLAS_122

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Cacosyntheton“. Atlas der Sprache, AT-HAR2-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0010

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0010

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Historischer Hintergrund

Silva Rhetoricae beschreibt cacosyntheton als fehlerhafte oder missfällige Anordnung und nennt Belege aus Handbüchern des 16. Jahrhunderts. Der Referenzeintrag macht den wertenden Charakter deutlich: Die historische Kategorie betrifft die Zusammenstellung von Wörtern und deren Beurteilung. Er beweist nicht, dass jede ungewöhnliche Stellung grammatisch falsch ist. Das ist wichtig, weil die ererbte Atlasdefinition auch auffällige oder absichtlich unregelmäßige Syntax einschließt und damit weiter sein könnte. Zu fragen ist, ob die Konstruktion eine grammatische Beschränkung, eine Stilpräferenz oder nur Publikumserwartung verletzt. Burtons Stellungsbeispiele sind keine übertragbaren Regeln für jede Sprache. Die gemeldeten Belege bei Sherry, Susenbrotus und Peacham sind historische Hinweise, die vor Chronologie oder Gleichsetzung mit dem Profil direkt geprüft werden müssen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Cacosyntheton ist eine historisch evaluierte Anordnung; ungewöhnliche Wortstellung, stilistisches Missfallen und grammatische Unzulässigkeit sind getrennt nachzuweisen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.