Vertiefung
Konzeptuelle Integration bezeichnet einen kognitiven Prozess, bei dem ausgewählte Elemente und Relationen aus mehreren mentalen Räumen in einem neuen Integrationsraum verbunden werden. Die entstehende Struktur ist nicht bloß die Summe ihrer Quellen: Korrespondenzen werden projiziert, anderes bleibt ausgeblendet, und durch Vervollständigung oder Ausarbeitung entstehen neue Folgerungen. Das Modell erklärt Metaphern, kontrafaktische Szenarien, Wortspiele und komplexe Erzählkonstruktionen, darf aber nicht jede Assoziation nachträglich als Blend etikettieren. Eine belastbare Analyse benennt Eingaberäume, gemeinsamen generischen Rahmen, Projektionsentscheidungen und emergente Struktur. Die Denkbewegung zeigt, wie getrennte Ordnungen einander nicht einfach ersetzen, sondern in einer dritten Anordnung neue Möglichkeiten hervorbringen.
Denkbewegung
1. Mindestens zwei mentale Räume stellen unterschiedliche Rollen, Relationen oder Ereignisordnungen für eine aktuelle Deutung bereit. 2. Korrespondenzen verbinden ausgewählte Elemente der Räume, ohne deren gesamte Struktur zu übertragen. 3. Ein Integrationsraum übernimmt Teilstrukturen und komprimiert zeitliche, kausale oder identitäre Beziehungen. 4. Hintergrundwissen vervollständigt das Gebilde; gedankliche Ausarbeitung erzeugt Folgerungen, die in keinem Eingaberaum fertig vorlagen. 5. Die Gegenprobe verfolgt Projektionen zurück und prüft, welche Auslassungen und Spannungen die neue Bedeutung ermöglichen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Kognitive Linguistik und Diskursanalyse rekonstruieren Netzwerke mentaler Räume in Metaphern, politischen Szenarien und multimodalen Darstellungen. Vergleichende Analysen prüfen, ob behauptete emergente Folgerungen tatsächlich aus dokumentierten Projektionen hervorgehen.
Beispiel
Eine Ausstellung zeigt eine Stadt als atmenden Körper: Straßen werden zu Adern und Verkehr zu Puls. Daraus entsteht die neue Frage, wo die Stadt »Atemnot« entwickelt.
Gegenbeispiel
Zwei Themen werden nacheinander erwähnt, ohne dass Elemente zwischen ihnen korrespondieren oder eine emergente Struktur entsteht. Ihre bloße Nachbarschaft bildet noch keine konzeptuelle Integration.
Abgrenzung
Im Theoriezusammenhang weitgehend mit conceptual blending verbunden, aber von allgemeiner Assoziation, Metapher und Frame zu unterscheiden. Metapher kann durch Integration erklärt werden; ein Frame strukturiert Wissen, ohne notwendig ein Mehrraum-Netzwerk zu bilden. Der kanonische Primärartikel ist noch als offen markiert.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Konzeptuelle Integration verdichtet heterogenes Wissen und ermöglicht schnelle neue Schlüsse. Dieselbe Selektivität kann unpassende Merkmale ausblenden und ein suggestives Modell selbstverständlich erscheinen lassen.
Resonanz
Zwei Ordnungen berühren sich, ohne ineinander aufzugehen. In ihrem Zwischenraum entsteht eine dritte Gestalt, die rückwirkend beide Ausgangsräume anders sehen lässt.
Etymologie
fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen
Provenienz
ATLAS_241 Restfalltriage → Profilkandidat 241-B → Quellen- und Nachbarschaftsabgleich → ATLAS_243
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Konzeptuelle Integration“. Atlas der Sprache, AT-CORE-243-009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-243-009Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Konzeptuelle Integration ist im Aufsatz von Fauconnier und Turner aus dem Jahr 2003 kein Gegenmodell zum Blending, sondern die Bezeichnung desselben Integrationsansatzes. Die Netzwerkdarstellung erklärt, wie ausgewählte Strukturen mehrerer mentaler Räume zusammenwirken und eine weiterführbare neue Struktur ermöglichen. Das Ergebnis ist deshalb mehr als eine Addition, bleibt aber über Verbindungen an die Eingaberäume gebunden. Für die historische Darstellung ist diese Benennungsbeziehung wichtig: Die deutsche Fachbezeichnung wird hier als Bezeichnung des dargestellten Modells verwendet, ohne einen deutschen Erstgebrauch zu datieren. Der von den Autoren angeführte Forschungsrückblick belegt eine ältere Modellgeschichte mittelbar; eine eigenständige Ursprungsgeschichte für ein vermeintlich anderes Verfahren lässt sich daraus nicht ableiten.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Dieses Profil lenkt den Blick auf die Architektur: Welche Eingaberäume, Gemeinsamkeiten, Projektionen und neuen Schlüsse lassen sich unterscheiden? Das Blending-Profil betont dagegen den Vollzug an einem Beispiel. Unterschiedliche Erklärzugänge sind sinnvoll; eine unbelegte theoretische Trennung ist es nicht.
Ergänzendes Beispiel
Eigenes Beispiel: „Die Stadt hat ein Gedächtnis.“ Aus dem menschlichen Erinnern werden Aufbewahren, Vergessen und Wiederfinden übernommen; aus dem Stadtleben kommen Archive, Straßennamen und öffentliche Erinnerungsorte hinzu. Das eröffnete Bild lässt nach kollektivem Erinnern fragen. Gegenprobe: Daraus folgt nicht, dass eine Stadt ein Gehirn besitzt. Nicht jede Einzelheit des menschlichen Erinnerns darf in den Vergleich übertragen werden.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Gilles Fauconnier / Mark Turner: Conceptual Blending, Form and Meaning. Recherches en communication 19 (2003). · Gedruckte Seiten 57–60 = PDF-Seiten 1–4; besonders Integrationsnetzwerk auf S. 59 und Rückblick in Fußnote 1 auf S. 57.