ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-243-009 · ATLAS 260

Konzeptuelle Integration

Kognitiver Prozess, bei dem Elemente verschiedener mentaler Räume selektiv zu einer neuen Bedeutungsstruktur verbunden werden.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Konzeptuelle Integration erschließt emergente Bedeutung aus selektiver Verbindung mehrerer mentaler Räume. Das Theorieprofil braucht benannte Eingaberäume und Projektionen, damit nicht jede beliebige Assoziation nachträglich als Blend gilt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Konzeptuelle Integration bezeichnet einen kognitiven Prozess, bei dem ausgewählte Elemente und Relationen aus mehreren mentalen Räumen in einem neuen Integrationsraum verbunden werden. Die entstehende Struktur ist nicht bloß die Summe ihrer Quellen: Korrespondenzen werden projiziert, anderes bleibt ausgeblendet, und durch Vervollständigung oder Ausarbeitung entstehen neue Folgerungen. Das Modell erklärt Metaphern, kontrafaktische Szenarien, Wortspiele und komplexe Erzählkonstruktionen, darf aber nicht jede Assoziation nachträglich als Blend etikettieren. Eine belastbare Analyse benennt Eingaberäume, gemeinsamen generischen Rahmen, Projektionsentscheidungen und emergente Struktur. Die Denkbewegung zeigt, wie getrennte Ordnungen einander nicht einfach ersetzen, sondern in einer dritten Anordnung neue Möglichkeiten hervorbringen.

Denkbewegung

1. Mindestens zwei mentale Räume stellen unterschiedliche Rollen, Relationen oder Ereignisordnungen für eine aktuelle Deutung bereit. 2. Korrespondenzen verbinden ausgewählte Elemente der Räume, ohne deren gesamte Struktur zu übertragen. 3. Ein Integrationsraum übernimmt Teilstrukturen und komprimiert zeitliche, kausale oder identitäre Beziehungen. 4. Hintergrundwissen vervollständigt das Gebilde; gedankliche Ausarbeitung erzeugt Folgerungen, die in keinem Eingaberaum fertig vorlagen. 5. Die Gegenprobe verfolgt Projektionen zurück und prüft, welche Auslassungen und Spannungen die neue Bedeutung ermöglichen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Kognitive Linguistik und Diskursanalyse rekonstruieren Netzwerke mentaler Räume in Metaphern, politischen Szenarien und multimodalen Darstellungen. Vergleichende Analysen prüfen, ob behauptete emergente Folgerungen tatsächlich aus dokumentierten Projektionen hervorgehen.

Beispiel

Eine Ausstellung zeigt eine Stadt als atmenden Körper: Straßen werden zu Adern und Verkehr zu Puls. Daraus entsteht die neue Frage, wo die Stadt »Atemnot« entwickelt.

Gegenbeispiel

Zwei Themen werden nacheinander erwähnt, ohne dass Elemente zwischen ihnen korrespondieren oder eine emergente Struktur entsteht. Ihre bloße Nachbarschaft bildet noch keine konzeptuelle Integration.

Abgrenzung

Im Theoriezusammenhang weitgehend mit conceptual blending verbunden, aber von allgemeiner Assoziation, Metapher und Frame zu unterscheiden. Metapher kann durch Integration erklärt werden; ein Frame strukturiert Wissen, ohne notwendig ein Mehrraum-Netzwerk zu bilden. Der kanonische Primärartikel ist noch als offen markiert.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Konzeptuelle Integration verdichtet heterogenes Wissen und ermöglicht schnelle neue Schlüsse. Dieselbe Selektivität kann unpassende Merkmale ausblenden und ein suggestives Modell selbstverständlich erscheinen lassen.

Resonanz

Zwei Ordnungen berühren sich, ohne ineinander aufzugehen. In ihrem Zwischenraum entsteht eine dritte Gestalt, die rückwirkend beide Ausgangsräume anders sehen lässt.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

ATLAS_241 Restfalltriage → Profilkandidat 241-B → Quellen- und Nachbarschaftsabgleich → ATLAS_243

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Konzeptuelle Integration“. Atlas der Sprache, AT-CORE-243-009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-243-009

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-243-009

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Historischer Hintergrund

Konzeptuelle Integration ist im Aufsatz von Fauconnier und Turner aus dem Jahr 2003 kein Gegenmodell zum Blending, sondern die Bezeichnung desselben Integrationsansatzes. Die Netzwerkdarstellung erklärt, wie ausgewählte Strukturen mehrerer mentaler Räume zusammenwirken und eine weiterführbare neue Struktur ermöglichen. Das Ergebnis ist deshalb mehr als eine Addition, bleibt aber über Verbindungen an die Eingaberäume gebunden. Für die historische Darstellung ist diese Benennungsbeziehung wichtig: Die deutsche Fachbezeichnung wird hier als Bezeichnung des dargestellten Modells verwendet, ohne einen deutschen Erstgebrauch zu datieren. Der von den Autoren angeführte Forschungsrückblick belegt eine ältere Modellgeschichte mittelbar; eine eigenständige Ursprungsgeschichte für ein vermeintlich anderes Verfahren lässt sich daraus nicht ableiten.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Dieses Profil lenkt den Blick auf die Architektur: Welche Eingaberäume, Gemeinsamkeiten, Projektionen und neuen Schlüsse lassen sich unterscheiden? Das Blending-Profil betont dagegen den Vollzug an einem Beispiel. Unterschiedliche Erklärzugänge sind sinnvoll; eine unbelegte theoretische Trennung ist es nicht.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes Beispiel: „Die Stadt hat ein Gedächtnis.“ Aus dem menschlichen Erinnern werden Aufbewahren, Vergessen und Wiederfinden übernommen; aus dem Stadtleben kommen Archive, Straßennamen und öffentliche Erinnerungsorte hinzu. Das eröffnete Bild lässt nach kollektivem Erinnern fragen. Gegenprobe: Daraus folgt nicht, dass eine Stadt ein Gehirn besitzt. Nicht jede Einzelheit des menschlichen Erinnerns darf in den Vergleich übertragen werden.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.