ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-238-004 · ATLAS 260

Frame

Ein Wissensrahmen, der bestimmt, welche Rollen, Beziehungen und Erwartungen eine Benennung aktiviert.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Frame macht den organisierten Wissenszusammenhang sichtbar, den eine Benennung mitaktiviert. Der Eintrag erklärt, warum nicht genannte Rollen und Erwartungen trotzdem das Verstehen leiten können. Gegenüber Framing bezeichnet er den aktivierten Zusammenhang, nicht dessen perspektivierende Auswahl oder Gestaltung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Frame ist ein strukturierter Wissensrahmen, der mit einer Benennung zugleich typische Rollen, Beziehungen und Erwartungen aktiviert. Wer „kaufen“ versteht, rechnet gewöhnlich mit kaufender und verkaufender Partei, einer Ware und einem Preis, selbst wenn der Satz nicht alle Rollen nennt. Bedeutung wird damit nicht als isolierter Wörterbucheintrag, sondern als Zugang zu einem organisierten Zusammenhang sichtbar. Frames sind keine starren Bilder: Kontext kann Rollen hervorheben, ausblenden oder neu besetzen. Gerade diese Selektivität macht sie analytisch fruchtbar, denn unterschiedliche Benennungen derselben Situation können verschiedene Ausschnitte desselben Geschehens als selbstverständlich erscheinen lassen.

Denkbewegung

1. Ein Wort oder eine Konstruktion ruft mehr auf, als ausdrücklich gesagt wird. 2. Ein vertrauter Szenenzusammenhang stellt Rollen und Beziehungen bereit. 3. Die Äußerung besetzt einige Rollen und lässt andere im Hintergrund. 4. Eine alternative Benennung aktiviert einen anderen Ausschnitt oder einen benachbarten Frame. 5. Die Analyse kehrt zur Wortwahl zurück und erkennt sie als Entscheidung über Sichtbarkeit.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Bei der semantischen Annotation können frame-auslösende Ausdrücke, aktivierte Rollen und nicht realisierte, aber erschließbare Elemente getrennt erfasst werden. Ein Korpusvergleich zeigt anschließend, welche Frames verschiedene Fachgebiete oder Medien für ähnliche Ereignisse bevorzugen.

Beispiel

„Die Klinik entließ die Patientin“ aktiviert Institution, behandelte Person und einen vorausgehenden Aufenthalt. „Die Patientin kehrte nach Hause zurück“ beschreibt dasselbe Ereignis aus einem anderen Wissensrahmen.

Gegenbeispiel

Eine lose Assoziation, die weder wiederkehrende Rollen noch einen strukturierten Zusammenhang erkennen lässt, genügt nicht. Auch ist ein Frame nicht identisch mit der strategischen Auswahl eines Frames im Framing.

Abgrenzung

Frame bezeichnet den Wissensrahmen; Framing die perspektivierende Auswahl oder Gestaltung eines Rahmens. Kontext ist weiter und umfasst auch situationsbezogene Informationen, die nicht als stabiler Rollenzusammenhang organisiert sein müssen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Frames machen Hintergrundwissen inferenziell verfügbar und lenken Aufmerksamkeit auf bestimmte Rollen, während andere unsichtbar bleiben können.

Resonanz

Ein einzelnes Wort bringt eine ganze Szene zum Mitschwingen; jede konkrete Verwendung antwortet auf dieses Schema, ohne es vollständig auszuschöpfen.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Frame“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-004

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Die Frame-Semantik verbindet Wortbedeutung mit strukturierten Wissenszusammenhängen. Das Berkeley-FrameNet-Projekt operationalisiert diese Tradition, indem es Frames beschreibt, ihre semantischen Rollen als frame elements ausweist, auslösende lexikalische Einheiten verzeichnet und Belegsätze annotiert. Ein Wort aktiviert damit nicht nur eine isolierte Definition, sondern Erwartungen darüber, welche Beteiligten, Gegenstände und Beziehungen in einer Situation relevant sind. Der Frame ist weder bloß Thema noch beliebige Assoziation: Rollen und Relationen müssen am Sprachgebrauch nachweisbar sein. Belegt ist die englische Forschungstradition; die deutsche Übernahme von Frame wurde nicht historisch datiert.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Ein Frame ist nur so präzise wie die belegten Rollen, Relationen und Auslöser. Eine frei hinzugefügte Erwartung darf nicht nachträglich als Bestandteil des Wissensrahmens ausgegeben werden.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • NEW-E-FRAME-FRAMENET · Project description and frame-semantic representation workflow
  • NEW-E-FRAME-DATA · Description of frame definitions, frame elements, lexical units and annotated texts
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.