ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-239-056 · ATLAS 260

Selbstgespräch

An sich selbst gerichtetes Sprechen, laut oder innerlich, zur Steuerung, Prüfung oder Verarbeitung.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Selbstgespräch erschließt die Rückwendung sozial erworbener Sprache zur eigenen Planung und Selbstprüfung. Die Selbstadressierung ist von einem tatsächlichen Zweipersonengespräch und von publikumsbezogener Monologdarstellung zu unterscheiden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Selbstgespräch ist an die eigene Person gerichtetes Sprechen, laut oder innerlich, das Wahrnehmung, Planung, Affekt oder Selbstprüfung organisiert. Es ist kein Gespräch mit zwei unabhängig antwortenden Personen, kann aber dialogische Rollen ausbilden: Man fragt, widerspricht, ermutigt oder probt die Stimme eines möglichen Gegenübers. Entwicklungspsychologisch kann laut begleitendes Sprechen schrittweise internalisiert werden; im Alltag bleibt der Übergang zwischen innerer Sprache, Murmeln und öffentlicher Selbstadressierung beweglich. Literarische Monologe stellen Selbstgespräch dar, sind aber für ein Publikum gestaltet. Die Denkbewegung verfolgt, wie soziale Sprache nach innen gewendet wird und als Werkzeug des Handelns auf die sprechende Person zurückwirkt.

Denkbewegung

1. Eine Person begegnet einer Aufgabe, Entscheidung oder Empfindung, die noch keine stabile sprachliche Ordnung besitzt. 2. Sie adressiert Worte an sich selbst und trennt dadurch mögliche Rollen wie Fragende, Kritiker, Planende oder Ermutigende. 3. Die Formulierung strukturiert Aufmerksamkeit, hält Zwischenschritte fest und verändert Affekt oder nächste Handlung. 4. Eine Gegenprobe prüft, ob tatsächlich Selbstadressierung vorliegt oder lediglich unadressiertes Lautdenken beziehungsweise literarische Darstellung für Publikum. 5. Das Selbstgespräch kehrt als Rückkopplung zurück: Eigene Worte werden gehört oder innerlich aufgenommen und formen den nächsten Schritt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Psychologie, Psycholinguistik und Entwicklungsforschung untersuchen private speech, innere Sprache und Selbstregulation. Gesprächs- und Literaturwissenschaft analysieren Adressierungsformen, Rollenwechsel und inszenierte Monologe.

Beispiel

Vor einer schwierigen Untersuchung sagt eine Ärztin leise zu sich: »Zuerst die Befunde ordnen, dann entscheiden; nicht von der ersten Vermutung treiben lassen.«

Gegenbeispiel

Wer einen Text allein laut liest, richtet dessen Aussagen nicht notwendig an sich selbst. Auch ein Bühnenmonolog kann primär das Publikum informieren, obwohl die Figur scheinbar allein spricht.

Abgrenzung

Von innerer Sprache als weiterem kognitiv-sprachlichem Phänomen, egozentrischer Sprache in Entwicklungstheorien, Lautdenken und literarischem Monolog unterscheiden. Selbstgespräch verlangt eine Form der Selbstadressierung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Selbstgespräch kann Planung, Erinnerung und Emotionsregulation unterstützen. Es kann aber auch Grübelschleifen verstärken oder soziale Stimmen der Kritik als scheinbar eigene Gewissheit verinnerlichen.

Resonanz

Die eigene Stimme verlässt die Person kaum und kehrt doch als hörbare Antwort zurück. Im kleinen Abstand zwischen Sprechen und Hören kann ein neuer Handlungsspielraum entstehen.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

Offenes Beziehungsnetz → zweiter Grundbegriffscheck → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_239

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Selbstgespräch“. Atlas der Sprache, AT-CORE-239-056. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-239-056

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-239-056

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Sapir behandelt Selbstgespräch 1921 als Modifikation gewöhnlicher Kommunikation, bei der Sprecher und Hörer in einer Person zusammenfallen. Davon unterscheidet er eine stärker verkürzte, nicht artikulierte Form inneren Sprechens. Seine anschließenden physiologischen Hypothesen sind zeitgebunden und werden hier nicht als aktuelle Neurophysiologie übernommen. Belegt ist die historische begriffliche Trennung zwischen hörbarem Selbstsprechen und lautlosem Sprachprozess.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Gemeinsame Beteiligtenrolle beseitigt nicht alle Unterschiede zwischen äußerem und innerem Sprechen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language: An Introduction to the Study of Speech (1921) · Chapter I, talking to oneself and thinking aloud as the least abbreviated speech process

    Original English text read in the Gutenberg transcription. No first-coinage claim, full-book verification or automatic endorsement of the author’s 1921 language classifications and generalisations. Examples require modern descriptive checking before reuse as current language data.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.