ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-238-035 · ATLAS 260

Definition

Festlegung oder Erläuterung der Bedeutung und Reichweite eines Ausdrucks.

Teil des Themenwegs Argumentation, Logik und Diskurs

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Definition ist für die prüfbare Abgrenzung aller Analysebegriffe und Figuren im Atlas erforderlich. Die Festsetzung eines Gebrauchs muss von Beschreibung tatsächlichen Gebrauchs und von einer bloßen Synonymangabe unterschieden werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Definition bestimmt, wie ein Ausdruck oder Begriff innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs verstanden und von Nachbarbegriffen abgegrenzt werden soll. Sie kann vorhandenen Sprachgebrauch beschreiben, einen terminologischen Gebrauch festsetzen oder Bedingungen angeben, die für eine Klassifikation relevant sind. Keine Form garantiert vollständige Neutralität: Auswahl der Merkmale, Oberbegriffe und Ausschlüsse strukturiert den Gegenstandsbereich und kann strittige Voraussetzungen verbergen. Gute Definitionen müssen ihrem Zweck angemessen, nachvollziehbar und durch Gegenfälle prüfbar sein; bloße Synonyme oder anschauliche Beschreibungen reichen nicht immer. Der Begriff macht sichtbar, dass begriffliche Grenzen Werkzeuge des Denkens sind: Sie ordnen Fälle und Argumente, bleiben aber revidierbar, wenn Randfälle, neue Erkenntnisse oder andere Sprachgemeinschaften ihre Reichweite infrage stellen.

Denkbewegung

1. Ein Ausdruck wird zunächst in wechselnden Situationen verwendet, wobei sein genauer Umfang oder seine Abgrenzung für eine Aufgabe strittig oder unklar bleibt. 2. Eine Definition wählt Merkmale, Relationen oder Verwendungsregeln aus und setzt damit eine vorläufige Grenze für einschlägige Fälle. 3. Konkrete Beispiele und Grenzfälle werden an dieser Grenze geprüft und zeigen, welche Ein- und Ausschlüsse die Formulierung tatsächlich erzeugt. 4. Die Gegenprobe sucht Zirkularität, Über- und Unterweite, versteckte Wertung und Zweckverfehlung und trennt Definition von Beispiel, Beschreibung und bloßem Synonym. 5. Der Begriff kehrt als kontrollierbares Werkzeug zurück: Seine Grenze ermöglicht gemeinsames Arbeiten und bleibt zugleich für begründete Revision offen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Terminologielehre, Wissenschaftstheorie und Lexikografie prüfen Definitionszweck, Extension, Gegenbeispiele und interdisziplinäre Übertragbarkeit. Annotationstests messen, ob unabhängige Forschende dieselben Fälle zuordnen.

Beispiel

Für eine Studie wird »Antwortverzögerung« als Zeit zwischen vollständigem Ende einer Frage und Beginn des nächsten Beitrags festgelegt; Pausen innerhalb der Frage bleiben ausdrücklich ausgeschlossen.

Gegenbeispiel

»Resonanz ist etwas, das resoniert« wiederholt lediglich denselben Wortstamm und liefert weder unterscheidende Merkmale noch eine prüfbare Verwendungsregel; dies ist keine brauchbare Definition.

Abgrenzung

Von Beschreibung, Beispiel, Explikation, bloßer Synonymangabe, lexikografischer Bedeutungsparaphrase, stipulativer Festsetzung, Klassifikation, Wesensbehauptung und rhetorischer Umdefinition unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Definitionen stabilisieren gemeinsame Begriffsarbeit, machen Ein- und Ausschlüsse prüfbar und können Erkenntnis ermöglichen, aber ebenso umstrittene Perspektiven als scheinbar natürliche Grenzen festschreiben.

Resonanz

Eine Grenze sammelt verstreute Fälle unter einem Namen; an jedem Randfall beginnt sie erneut zu schwingen und zeigt, wo die Ordnung trägt oder geöffnet werden muss.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Definition“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-035. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-035

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-035

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Historischer Hintergrund

Locke beschreibt Definition in III.iv.4–7 als Erklärung eines Wortes durch mehrere nicht bloß synonyme Ausdrücke. Zugleich bestreitet er die Definierbarkeit von Namen einfacher Ideen und begründet dies mit fehlender Zusammensetzung sowie dem drohenden unendlichen Definitionsregress. Diese Abgrenzung hängt an seiner Ideenlehre und ist keine allgemeine heutige Unmöglichkeitsaussage über Erklärungen einfacher Wörter. Die deutsche Wortgeschichte wird dadurch nicht belegt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Die Leistungsgrenze einer Definition ist hier theoretisch begründet und muss mit diesem Rahmen gelesen werden.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.