Vertiefung
Eine Definition bestimmt, wie ein Ausdruck oder Begriff innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs verstanden und von Nachbarbegriffen abgegrenzt werden soll. Sie kann vorhandenen Sprachgebrauch beschreiben, einen terminologischen Gebrauch festsetzen oder Bedingungen angeben, die für eine Klassifikation relevant sind. Keine Form garantiert vollständige Neutralität: Auswahl der Merkmale, Oberbegriffe und Ausschlüsse strukturiert den Gegenstandsbereich und kann strittige Voraussetzungen verbergen. Gute Definitionen müssen ihrem Zweck angemessen, nachvollziehbar und durch Gegenfälle prüfbar sein; bloße Synonyme oder anschauliche Beschreibungen reichen nicht immer. Der Begriff macht sichtbar, dass begriffliche Grenzen Werkzeuge des Denkens sind: Sie ordnen Fälle und Argumente, bleiben aber revidierbar, wenn Randfälle, neue Erkenntnisse oder andere Sprachgemeinschaften ihre Reichweite infrage stellen.
Denkbewegung
1. Ein Ausdruck wird zunächst in wechselnden Situationen verwendet, wobei sein genauer Umfang oder seine Abgrenzung für eine Aufgabe strittig oder unklar bleibt. 2. Eine Definition wählt Merkmale, Relationen oder Verwendungsregeln aus und setzt damit eine vorläufige Grenze für einschlägige Fälle. 3. Konkrete Beispiele und Grenzfälle werden an dieser Grenze geprüft und zeigen, welche Ein- und Ausschlüsse die Formulierung tatsächlich erzeugt. 4. Die Gegenprobe sucht Zirkularität, Über- und Unterweite, versteckte Wertung und Zweckverfehlung und trennt Definition von Beispiel, Beschreibung und bloßem Synonym. 5. Der Begriff kehrt als kontrollierbares Werkzeug zurück: Seine Grenze ermöglicht gemeinsames Arbeiten und bleibt zugleich für begründete Revision offen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Terminologielehre, Wissenschaftstheorie und Lexikografie prüfen Definitionszweck, Extension, Gegenbeispiele und interdisziplinäre Übertragbarkeit. Annotationstests messen, ob unabhängige Forschende dieselben Fälle zuordnen.
Beispiel
Für eine Studie wird »Antwortverzögerung« als Zeit zwischen vollständigem Ende einer Frage und Beginn des nächsten Beitrags festgelegt; Pausen innerhalb der Frage bleiben ausdrücklich ausgeschlossen.
Gegenbeispiel
»Resonanz ist etwas, das resoniert« wiederholt lediglich denselben Wortstamm und liefert weder unterscheidende Merkmale noch eine prüfbare Verwendungsregel; dies ist keine brauchbare Definition.
Abgrenzung
Von Beschreibung, Beispiel, Explikation, bloßer Synonymangabe, lexikografischer Bedeutungsparaphrase, stipulativer Festsetzung, Klassifikation, Wesensbehauptung und rhetorischer Umdefinition unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Definitionen stabilisieren gemeinsame Begriffsarbeit, machen Ein- und Ausschlüsse prüfbar und können Erkenntnis ermöglichen, aber ebenso umstrittene Perspektiven als scheinbar natürliche Grenzen festschreiben.
Resonanz
Eine Grenze sammelt verstreute Fälle unter einem Namen; an jedem Randfall beginnt sie erneut zu schwingen und zeigt, wo die Ordnung trägt oder geöffnet werden muss.
Etymologie
fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen
Provenienz
Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Definition“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-035. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-035Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Locke beschreibt Definition in III.iv.4–7 als Erklärung eines Wortes durch mehrere nicht bloß synonyme Ausdrücke. Zugleich bestreitet er die Definierbarkeit von Namen einfacher Ideen und begründet dies mit fehlender Zusammensetzung sowie dem drohenden unendlichen Definitionsregress. Diese Abgrenzung hängt an seiner Ideenlehre und ist keine allgemeine heutige Unmöglichkeitsaussage über Erklärungen einfacher Wörter. Die deutsche Wortgeschichte wird dadurch nicht belegt.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Die Leistungsgrenze einer Definition ist hier theoretisch begründet und muss mit diesem Rahmen gelesen werden.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- John Locke, An Essay Concerning Human Understanding (first published with the date 1690), Books III–IV; Gutenberg transcription identified as based on the second edition · III.iii.10; III.iv.4–11
Selected original-English passages read; not collated against first-edition page images. Modern profile labels are explicitly distinguished from the terminology used by Locke. His account of ideas is a historical philosophical position, not a verified contemporary model of language or cognition.