Vertiefung
„Diese Behauptung steht auf sicherem Boden“ macht eine abstrakte Beziehung körperlich-räumlich anschaulich. Etwas trägt anderes; wer weiterbaut, verlässt sich auf das Darunter. Das Bild hilft, Abhängigkeiten zu sehen. Es kann zugleich die Erwartung erzeugen, es müsse am Ende einen unveränderlichen Untergrund geben, unter dem nicht mehr gefragt werden darf. Eine Beschreibung von Wissen als Netz würde andere Zusammenhänge hervorheben. Das Profil prüft solche Unterschiede, ohne damit den philosophischen Streit über Gründe zu entscheiden. Nicht jede Verwendung von „Grund“ ist noch bewusst bildhaft, und nicht jede Begründung beruht auf einem Fundierungsmodell. Untersucht wird die aktivierbare Bildlogik: Welche Frage erscheint durch sie sinnvoll, welche Alternative rückt aus dem Blick? Die verwandte Bau- und Konstruktionsmetaphorik erweitert die Frage des Tragens um eine Frage des Herstellens. Eine Theorie wird „aufgebaut“, an eine Erfahrung „angebaut“ oder wegen eines Einwands „umgebaut“. Damit werden Arbeit, Material und Revidierbarkeit sichtbar. Ein tragender Grund ist nicht bereits das ganze Gebäude; die Teile können unterschiedlich fest verbunden sein. Hannes Böhringers Artikel „Bauen“ verfolgt das Verhältnis von Setzung und Gegebenem. Für den Atlas ergibt sich daraus eine konkrete Gegenprobe: Was können wir begrifflich verändern, und welche Befunde widersetzen sich unserer Konstruktion? Die Einsicht in die Gemachtheit einer Ordnung bedeutet nicht, dass jede Ordnung gleich gut oder Wirklichkeit beliebig formbar wäre.
Denkbewegung
1. Den Ausdruck von Boden oder Fundament im konkreten Satz markieren. 2. Die übertragene Beziehung benennen: Was trägt hier was? 3. Die daraus nahegelegten Erwartungen an Festigkeit und Abhängigkeit sammeln. 4. Eine andere Darstellung erproben und die Unterschiede prüfen. 5. Zur Begründung zurückkehren und sachliche Gründe von ihrer räumlichen Inszenierung unterscheiden.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine wissensgeschichtliche oder diskursanalytische Arbeit kann Fundierungsbilder, Quellenbezüge und die Folgerungen im jeweiligen Text untersuchen. Ob ein Autor tatsächlich einen letztbegründenden Anspruch vertritt, muss im Argument belegt werden, nicht allein am Wort „Boden“.
Beispiel
„Ohne ein unerschütterliches Fundament fällt unsere ganze Entscheidung zusammen.“ Die Gegenfassung lautet: „Mehrere voneinander unabhängige Befunde stützen die Entscheidung; einzelne bleiben revidierbar.“ Der Wechsel macht unterschiedliche Vorstellungen von Stabilität sichtbar. Er beweist nicht, dass immer die zweite Struktur richtig ist. Eigenständiger Vergleich. „Wenn eine Annahme fällt, müssen wir alles abreißen.“ Die Gruppe zeichnet ein, welche Folgerungen tatsächlich von dieser Annahme abhängen. Einige bleiben unabhängig gestützt. Der Umbauvergleich macht Revisionsumfang sichtbar, entscheidet ihn aber nicht ohne sachliche Prüfung. Eigenständiges Ergänzungsbeispiel.
Gegenbeispiel
Eine Baugrunduntersuchung verwendet „Grund“ nicht deshalb metaphorisch, weil ihre Ergebnisse begründet werden. Umgekehrt ist ein philosophischer Grund nicht schon als Bild widerlegt. Das Erkennen einer Metapher entwertet nicht automatisch ihren Gedanken.
Abgrenzung
Grund als philosophischer Begriff ist umfassender als Grundmetaphorik. Argument und Beleg sind nicht bloß Fundamente. Wegmetaphorik betont Bewegung, Grundmetaphorik eher Tragfähigkeit; die Bildfelder können sich verbinden. Das Profil ist ein exemplarischer Metaphernfall, keine neue Grundlagentheorie. Grundmetaphorik fragt nach Tragen und Begründen, Bau- und Konstruktionsbilder zusätzlich nach Herstellung, Material und Revision. Sie werden hier als Vergleichsabschnitt geführt. Wohnmetaphorik untersucht wiederum Aufenthalt und Zugang, nicht bloß die technische Errichtung eines Systems.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Gewissheit wird als Stehen und Zweifel als Schwanken erfahrbar. Das schafft Orientierung, kann aber vorläufige, verteilte oder gegenseitige Stützung unterbewerten.
Resonanz
Ein Gedanke gibt Halt, dann wird auch sein Halt befragt. Die Rückkehr kann Sicherheit als verantwortete Tragfähigkeit verstehen, ohne Unerschütterlichkeit versprechen zu müssen.
Etymologie
Der vorgeschlagene deutsche Profiltitel verbindet Grund mit Metaphorik. Er benennt einen redaktionell abgegrenzten Bildzusammenhang, keinen hier nachgewiesenen historischen Erstterminus. Aussagen zur vollständigen Wortgeschichte von „Grund“ wären eine gesonderte lexikographische Aufgabe.
Provenienz
DE/EN redaktionell angenommen am 15.10.2026. Historischer Bezug, Sprachvergleich und Quellenstatus sind im vollständigen Profil gesondert ausgewiesen.
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Grundmetaphorik“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261015-0013. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261015-0013Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-16. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Leitfrage
Was erwarten wir von einer Begründung, wenn wir sie uns als tragendes Fundament vorstellen?
Fünf Koordinatenfragen
Die folgenden Beschreibungen erläutern dieses Profil. Sie sind noch keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.
- Woran ist der Vorgang beobachtbar?
- Begründungssprache mit Boden- und Bauausdrücken.
- Was geschieht mit dem Material?
- Tragfähigkeit und räumliche Abhängigkeit auf Geltung übertragen.
- Auf welcher Ebene verändert sich etwas?
- Modell von Gewissheit und Begründung.
- Welche zeitliche Struktur ist nötig?
- Situierte Bildverwendung; historische Entwicklung nur im Quellenvergleich.
- Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?
- Aktivierte Folgerungen mit Argument und alternativen Modellen vergleichen.
Historischer Bezug
Olaf Brieses Artikel „Erde, Grund“ verbindet Natur-, Kultur- und Philosophiegeschichte. Besonders die Behandlung moderner Fundierungsbilder zeigt, wie Boden und Begründung ineinandergreifen. Das Atlasprofil wählt diesen Aspekt aus; es beansprucht weder die vollständige Geschichte der Erde-Metapher noch eine unmittelbare Lektüre sämtlicher dort zitierter Originalwerke.
Sprachvergleich und Fachfassung
Englisch ground verbindet ebenfalls Boden und Begründung, während foundation ausdrücklich das Gebaute und Tragen betont. Die Fachfassung hält beide Felder offen, statt alle deutschen Grund-Verwendungen auf ein einzelnes englisches Wort abzubilden.
Fachliche Beziehungen: begründete Leserverweise
Die Beziehung wird jeweils benannt und erläutert. Diese Leserverweise ersetzen weder einen gemeinsamen Registertreffer noch eine neu kanonisierte Relationskante.
Vorgeschlagener Denkweg
Muss Sicherheit wie ein Fundament aussehen?
Grundmetaphorik → Wegmetaphorik → Wissen → Grundmetaphorik
Gegenprobe und Rückkehr
Eine Baugrunduntersuchung verwendet „Grund“ nicht deshalb metaphorisch, weil ihre Ergebnisse begründet werden. Umgekehrt ist ein philosophischer Grund nicht schon als Bild widerlegt. Das Erkennen einer Metapher entwertet nicht automatisch ihren Gedanken.
Die Route ist ein redaktionelles Erkundungsangebot. Sie behauptet keine notwendige Reihenfolge der Begriffe. Rückkehr: Grundmetaphorik
Quellenstatus und Provenienz
Die Texte sind redaktionell angenommen. Diese Annahme verwandelt Referenzwerk, Abstract oder Registerbeleg nicht in eine vollständige Primärquellenprüfung. Beispiele und Denkfolge sind eigenständige Atlasanwendungen.
- Olaf Briese: Erde, Grund. In: Ralf Konersmann (Hg.), Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Studienausgabe 2014, unveränderter Nachdruck der erweiterten 3. Auflage 2011. · Einleitung, Abschnitt 1 sowie Abschnitt 4 „Moderne Metaphernexplosion“
Philosophischer Metaphernrahmen und im Profil ausgewählte Geschichte.
Die Atlas-Profiltitel und Gegenwartsbeispiele sind redaktionelle Ausarbeitungen. Keine behauptete Vollprüfung sämtlicher historischer Primärquellen; keine Universalität über alle Kulturen.
Quellen der angenommenen Ergänzung
Die ergänzten Abschnitte zu Vertiefung, Abgrenzung und Beispiel wurden am 16.10.2026 redaktionell angenommen. Die bisherige Definition und die übrigen Profilinhalte bleiben erhalten. Der jeweilige Quellenumfang ist von unseren eigenen Beispielen und Anwendungen zu unterscheiden.
- Hannes Böhringer: „Bauen“. In: Ralf Konersmann (Hg.), Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Studienausgabe 2014; unveränderter Nachdruck der erweiterten 3. Auflage 2011. · Einleitung und Abschnitt „Setzen“
Genannte Originalartikelpassagen im lokalen EPUB direkt gelesen.
Die Atlas-Titel, Auswahlurteile, Beispiele und Gegenproben sind eigene redaktionelle Vorschläge. Keine Vollprüfung der dort zitierten historischen Originaltexte und keine automatische Übernahme kulturübergreifender Aussagen.
- Atlas der Sprache: Vergleichsstand Release 15.8.0 / Sites 352 · 1.211 Profile; bestätigte Vergleichs- und Ergänzungsziele
Aktueller Quellstand und IDs gegen Sites 352 geprüft; Exportherkunft separat erhalten.
Arbeitsbasis des zuletzt in diesem Chat veröffentlichten Stands, keine neue vollständige Produktivinventur und kein unabhängiger wissenschaftlicher Beleg.