ATLAS DER SPRACHE

AT-133-041 · ATLAS 260

Holorim

Reim, bei dem ganze Verse oder Äußerungen gleich oder nahezu gleich klingen, aber anders segmentiert werden.

Teil des Themenwegs Wortspiele und Sprachrätsel

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Holorim zeigt die Bildung verschiedener Bedeutungen aus nahezu derselben vollständigen Lautfolge. Die Grenze zum gewöhnlichen Endreim liegt in der erneuten Segmentierung ganzer Äußerungen, während die englische Benennung zu prüfen bleibt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Holorim ist ein Reim, bei dem ganze Verse oder Äußerungen gleich oder nahezu gleich klingen, obwohl die Lautfolge in unterschiedliche Wörter und Bedeutungen segmentiert wird. Die Figur nutzt die Tatsache, dass gesprochene Sprache keine sichtbaren Wortgrenzen trägt: Erst lexikalische Erwartung, Syntax und Kontext teilen den Lautstrom. Ein überzeugender Holorim benötigt daher weitreichende phonologische Übereinstimmung und zugleich zwei plausible Analysen. Orthographische Ähnlichkeit ist nebensächlich. Die Denkbewegung hält die Klangfolge konstant, verschiebt ihre Grenzen und untersucht, wie aus derselben akustischen Gestalt zwei semantische Welten entstehen.

Denkbewegung

1. Die beiden Äußerungen werden phonetisch statt nur orthographisch transkribiert und verglichen. 2. Wortgrenzen und morphologische Gliederungen werden für jede Lesart getrennt rekonstruiert. 3. Prosodie, Reduktion und regionale Aussprache erklären verbleibende lautliche Unterschiede. 4. Syntax und Kontext werden darauf geprüft, ob beide Segmentierungen sprachlich plausibel sind. 5. Die Wirkung ergibt sich aus dem späten Umschlag zwischen nahezu identischem Klang und anderem Sinn.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Phonetik, Poetik, Psycholinguistik und Übersetzungsforschung nutzen Holorime zur Untersuchung von Segmentierung, Homophonie und Wortspielerkennung. Analysen sollten Aussprachevariante, Sprechtempo und Aufnahme belegen.

Beispiel

Zwei kurze Zeilen werden so konstruiert, dass ihre schnellen gesprochenen Fassungen nahezu dieselbe Lautkette ergeben. In der ersten bilden die Laute drei Wörter, in der zweiten fünf und entfalten dadurch eine andere Aussage.

Gegenbeispiel

Ein gewöhnlicher Endreim ist kein Holorim, wenn nur die letzten Silben übereinstimmen. Ebenso genügt ein schriftliches Wortspiel nicht, das beim Sprechen deutlich auseinanderfällt; die umfassende Klanggleichheit ist zentral.

Abgrenzung

Von Endreim, Homophon, Mondegreen und Calembour unterscheiden. Der Holorim erstreckt die lautliche Entsprechung über eine ganze Verszeile oder Äußerung und verlangt alternative Segmentierung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Holorime lassen vertraute Wortgrenzen instabil werden und erzeugen Überraschung, Komik oder Irritation. Sie demonstrieren sinnlich, wie stark Verstehen den kontinuierlichen Lautstrom aktiv gliedert.

Resonanz

Ein Klangkörper trägt zwei verschiedene Texte. Erst die Aufmerksamkeit zieht andere Grenzen und lässt im scheinbar Gleichen eine zweite Bedeutung aufscheinen.

Etymologie

internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung

Provenienz

Wortspiele/Sprachrätsel → Ganzzeilenreim → Quellenabgleich → ATLAS_133

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Holorim“. Atlas der Sprache, AT-133-041. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-041

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-041

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Le Roberts im Suchindex lesbarer Wörterbuchtext erklärt holorime durch Klanggleichheit des ganzen Verses bei verschiedenen Wörtern und führt Beispiele unter anderem unter Allais und Vilmorin an. Die Autorenzuordnung ist hier lexikografisch vermittelt; die Gedichtoriginale wurden nicht kollationiert. Der direkte Seitenabruf scheiterte. Das Verfahren ist damit begrifflich eingegrenzt, seine konkrete Geschichte und die Atlasform Holorim in beiden Sprachen sind noch nicht ausreichend belegt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Klanggleichheit muss über die ganze relevante Einheit geprüft werden; schriftliche Ähnlichkeit genügt nicht.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • B-ROBERT-HOLORIME · Holorime, complete indexed dictionary excerpt: definition and five historical-author examples
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.