ATLAS DER SPRACHE

AT-119-024 · ATLAS 260

Turn-Taking

Koordination des Sprecherwechsels in Interaktion.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Turn-Taking erschließt, wie Gesprächsbeteiligte Redegelegenheiten erkennen, übernehmen und übergeben. Es macht das gemeinsame Koordinationssystem hinter einzelnen Sprecherwechseln sichtbar, einschließlich Pausen, Überlappungen und Reparaturen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Turn-Taking bezeichnet die interaktive Organisation dessen, wer wann spricht und wie ein Sprecherwechsel zustande kommt. Gesprächsteilnehmende erkennen mögliche Abschlusspunkte, projizieren Fortsetzungen, wählen nächste Sprecher aus oder übernehmen selbst das Wort. Pausen, Überlappungen und Unterbrechungen sind dabei nicht bloß Störungen, sondern analysierbare Ergebnisse zeitlich fein abgestimmter Erwartungen. Regeln und Praktiken variieren nach Gesprächsform, Medium, Institution und Kultur. Die Denkbewegung verlässt die Vorstellung fertig verteilter Redebeiträge und betrachtet Gespräch als lokale Koordination, in der jeder Zug zugleich auf Vorheriges antwortet und Möglichkeiten für den nächsten eröffnet.

Denkbewegung

1. Ein laufender Redebeitrag erzeugt durch Syntax, Prosodie und Handlung eine Erwartung seines möglichen Abschlusses. 2. Die Beteiligten beobachten gleichzeitig, ob eine nächste Person ausgewählt wird oder Selbstwahl möglich ist. 3. An einem Übergabepunkt setzt eine neue Stimme ein, während Schweigen oder Überlappung ebenfalls Bedeutung gewinnen. 4. Die Gegenprobe prüft institutionelle Zuweisung, technische Verzögerung und Machtasymmetrie statt jeden Wechsel gleichzusetzen. 5. Aus vielen lokalen Entscheidungen entsteht eine geordnete, jedoch stets neu hervorgebrachte Gesprächsfolge.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Konversationsanalyse, Soziolinguistik und Mensch-Maschine-Interaktion untersuchen Übergaberelevanz, Pausen und Überlappungen in zeitgenauen Transkripten. Video- und Audiodaten verhindern, dass Blick oder Gestik als Ressourcen verschwinden.

Beispiel

Die Ärztin senkt am Ende ihrer Frage Stimme und Blick; der Patient beginnt nach einer kurzen Pause. Als sie gleichzeitig ansetzen, bricht sie ab und überlässt ihm sichtbar den nächsten Redebeitrag.

Gegenbeispiel

Eine vorab festgelegte Vortragsliste zeigt Sprecherreihenfolge, aber nicht notwendig die lokale Turn-Taking-Organisation eines Gesprächs. Auch technisch verursachte Überlappung darf nicht ohne Kontext als Unterbrechungsstrategie gelten.

Abgrenzung

Turn-Taking ist ein Koordinationssystem, das auch Pausen, Überlappungen und Reparaturen umfasst, nicht bloß eine Technik zur Vermeidung gleichzeitigen Sprechens. Von bloßer Sprecherreihenfolge, Gesprächsleitung und Unterbrechung als Einzelereignis unterscheiden. Turn-Taking bezeichnet das fortlaufende System lokaler Praktiken, das Rederechte und Übergänge organisiert.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Turn-Taking ermöglicht koordiniertes gemeinsames Handeln mit minimaler zentraler Steuerung. Seine feinen Normen können Beteiligung öffnen, aber auch Stimmen systematisch verzögern oder ausschließen.

Resonanz

Eine Stimme trägt bis an eine mögliche Schwelle, eine andere nimmt die Bewegung auf. Gespräch entsteht im Zwischenraum, in dem Hören bereits den nächsten Beitrag vorbereitet.

Etymologie

Fachterminus · genealogische Vertiefung in ATLAS_120

Provenienz

Pragmatik/Gespräch → Gesprächsorganisation → ATLAS_119

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Turn-Taking“. Atlas der Sprache, AT-119-024. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-024

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-024

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Historischer Hintergrund

Sacks, Schegloff und Jefferson formulieren 1974 ein Modell der Organisation des Sprecherwechsels in Gesprächen. An möglichen Abschlussstellen erhält zunächst die Auswahl durch den aktuellen Sprecher Vorrang; andernfalls können Selbstwahl und anschließend Fortsetzung des bisherigen Sprechers relevant werden. Der Wechsel beruht im Modell auf lokal wirksamen Regeln statt einem vorab feststehenden Redeverteilungsplan. Diese belegte historische Formulierung ist von der deutschen Übernahme des Ausdrucks Turn-Taking und von der Kategorie einzelner Gesprächsbeiträge zu unterscheiden.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Sprecherwechsel anhand möglicher Abschlussstellen und beobachtbarer Auswahlverfahren rekonstruieren. Eine Pause oder ein grammatisches Satzende erzwingt für sich allein keinen Wechsel.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • A-SSJ1974-TURNTAKING · Printed pp.702–704, §§3.1–3.3; PDF pp.7–9, previously visually reread in this worker run
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.