ATLAS DER SPRACHE

AT-103-029 · ATLAS 260

Implizites Wissen

Können oder Orientierung, die wirksam ist, ohne vollständig als ausdrückliche Regel verfügbar zu sein.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Implizites Wissen trennt systematisches Können von vollständiger ausdrücklicher Regelverfügbarkeit. Der Eintrag macht eine Grenze begrifflicher Selbstauskunft prüfbar, ohne jede unerklärte Leistung als verborgenes Wissen zu mystifizieren.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Implizites Wissen ist wirksames Können oder Orientierungswissen, das eine Person nicht vollständig als ausdrückliche Regel formulieren kann. Es zeigt sich im sicheren Handeln, Erkennen oder Korrigieren: Sprecher bilden grammatische Sätze, ohne die zugrunde liegenden Regularitäten vollständig zu benennen. Implizit bedeutet weder bewusstlos noch angeboren und auch nicht prinzipiell unaussprechbar. Durch Unterricht, Reflexion oder Vergleich können Teile expliziert werden, während die praktische Leistung reicher bleibt als ihre Beschreibung. Die Denkbewegung geht von beobachtbarem Können aus, provoziert Begründungsversuche und untersucht die Differenz zwischen verlässlicher Praxis und ausdrücklich verfügbarem Regelwissen.

Denkbewegung

1. Eine Person bewältigt zunächst wiederholt eine Aufgabe oder erkennt zuverlässig passende und unpassende Fälle. 2. Auf Nachfrage kann sie die tragende Regel nur teilweise, nachträglich oder gar nicht sprachlich angeben. 3. Variation und neue Fälle zeigen, dass die Leistung dennoch systematisch und nicht bloß zufällig ist. 4. Die Gegenprobe kontrolliert auswendig gelerntes Wissen, automatisierte Routine, Raten und unbewusste Reizwirkung. 5. Praxis und Explikation werden als verschiedene Zugänge zu Wissen verbunden, ohne sie gleichzusetzen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Kognitionswissenschaft, Sprachforschung und Expertiseanalyse können Leistung, Verbalisierung und Transfer getrennt messen. Prozessdaten helfen, implizites Wissen von expliziter Regelanwendung und bloßer Vertrautheit zu unterscheiden.

Beispiel

Eine Person bildet grammatische Sätze, ohne die Grammatikregeln erklären zu können. Eine Sprecherin erkennt sofort, dass eine neu erfundene Wortfolge in ihrer Sprache unnatürlich klingt, kann aber erst nach mehreren Vergleichen beschreiben, welche Stellung des Verbs ihre Entscheidung trägt.

Gegenbeispiel

Auswendig aufgesagtes Regelwissen ist explizit, auch wenn die Anwendung misslingt. Eine auswendig aufgesagte Regel ist explizites Wissen, auch wenn ihre Anwendung misslingt. Ein zufällig richtiger Treffer oder bloße Gewöhnung ohne generalisierbare Leistung belegt ebenfalls kein implizites Wissen.

Abgrenzung

Von explizitem Wissen, unbewusstem Reizlernen, Gewohnheit und bloßer Fertigkeit unterscheiden. Implizites Wissen wird durch systematische Leistung bei begrenzter verbaler Verfügbarkeit bestimmt.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Begriff würdigt Können, das in propositionalen Berichten nicht aufgeht. Er kann jedoch mystifizieren, wenn jede unerklärte Leistung vorschnell als verborgenes Wissen bezeichnet wird.

Resonanz

Der Körper oder die Praxis weiß einen Weg, bevor die Sprache ihn erklären kann. Im Versuch der Explikation antworten Können und Begriff einander, ohne vollständig zusammenzufallen.

Etymologie

Implizit aus lateinisch implicitus ›eingefaltet‹; als Wissensbegriff besonders durch Michael Polanyis tacit knowledge geprägt.

Provenienz

Erkenntnistheorie und Können → Polanyis tacit knowing → Organisationswissen, Expertise und verkörperte Kognition

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Implizites Wissen“. Atlas der Sprache, AT-103-029. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-029

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-029

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Historischer Hintergrund

William James beschreibt, wie eingeübte Handlungen immer weniger bewusste Auswahl jedes Zwischenschritts verlangen. Ein auslösender Hinweis kann eine geordnete Folge in Gang setzen und Aufmerksamkeit freisetzen; bei veränderter Situation kann dieselbe Routine aber unpassend weiterlaufen. Darin liegt ein historischer Vorläufer für einen Teil dessen, was heute als implizites Wissen untersucht wird: Gelungenes Können kann über die gerade formulierbare Regel hinausreichen. Die Passage ist weder Ursprung der späteren Theorie des tacit knowledge noch eine vollständige Erklärung impliziten Lernens. James’ physiologische Vorschläge bleiben historische Hypothesen; Automatismus, unberichtetes Wissen und unbewusstes Lernen müssen gesondert belegt werden.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Implizites Wissen wird erst unterscheidbar, wenn Ausführung, explizite Erklärung und flexible Anpassung getrennt getestet werden. Eine routiniert richtige Handlung beweist weder Regelbewusstsein noch Anpassungsfähigkeit.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.