ATLAS DER SPRACHE

AT-091-034 · ATLAS 260

Kollokation

Typische, statistisch oder konventionell bevorzugte Verbindung von Wörtern.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Kollokation macht bevorzugte Wortverbindungen jenseits bloßer grammatischer Möglichkeit untersuchbar. Der Eintrag erklärt idiomatische Erwartung und markierte Abweichung, ohne statistische Nachbarschaft, feste Redewendung und lexikalische Auswahl gleichzusetzen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Kollokation ist eine im Sprachgebrauch auffällig häufige oder konventionell bevorzugte Verbindung lexikalischer Einheiten. Ihre Wörter sind grundsätzlich selbständig, wählen einander aber nicht völlig frei: Man trifft eine Entscheidung, hegt Zweifel oder übt Kritik, obwohl grammatisch zahlreiche Alternativen denkbar wären. Kollokationen liegen zwischen freier Kombination und fester Redewendung. Statistik kann ihre Anziehung sichtbar machen, doch Frequenz allein erklärt weder Register noch semantische Einschränkung; Korpusgröße, Vergleichswert und Textsorte müssen berücksichtigt werden. Die Denkbewegung entdeckt in wiederholter Nachbarschaft eine sprachliche Erwartung und prüft, wie stark diese Verbindung Bedeutung und Formulierung lenkt.

Denkbewegung

1. Zwei oder mehrere Wörter begegnen einander in vielen Äußerungen häufiger, als freie Kombinierbarkeit erwarten ließe. 2. Korpusvergleich misst ihre Anziehung relativ zu Einzelfrequenzen, Textsorten und möglichen Alternativen. 3. Die wiederkehrende Verbindung wird für Sprechende zu einer erwartbaren und schnell verfügbaren Formulierung. 4. Die Gegenprobe trennt statistischen Zufall, sachbedingt gemeinsames Auftreten und vollständig fixierte Idiomatik. 5. Im Gebrauch zeigt sich, wie Konvention die Wortwahl begrenzt, ohne sie grammatisch vollständig festzuschreiben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Korpuslinguistik, Lexikografie und Fremdsprachendidaktik können Kollokationen mit Assoziationsmaßen, Registervergleich und Akzeptabilitätsurteilen bestimmen. Wörterbücher machen typische Partnerschaften statt bloßer Einzelbedeutungen zugänglich.

Beispiel

eine Entscheidung treffen. Im Korpus erscheint fast immer »scharfe Kritik«, während »spitze Kritik« möglich, aber deutlich seltener ist. Die bevorzugte Verbindung wird von Lernenden als typische Wortpartnerschaft erworben.

Gegenbeispiel

Eine zufällige einmalige Wortnachbarschaft ist noch keine Kollokation. Eine einmalige Nachbarschaft von »grün« und »Ordner« begründet keine Kollokation. Auch Wörter, die nur wegen eines eng begrenzten Themas gemeinsam auftreten, benötigen einen Vergleich mit anderen Kontexten.

Abgrenzung

Von Idiom als semantisch häufig nicht kompositionaler fester Einheit, bloßer Kookkurrenz und grammatischer Valenz unterscheiden. Kollokation bezeichnet eine konventionelle lexikalische Auswahlbeziehung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Kollokationen beschleunigen Produktion und lassen Sprache idiomatisch wirken. Ungewöhnliche Kombinationen können als Fehler auffallen oder gerade poetische Aufmerksamkeit und neue Bedeutungsnuancen erzeugen.

Resonanz

Wörter erinnern sich an ihre häufigsten Nachbarn. Wenn eines erscheint, klingt die erwartete Verbindung bereits mit und zieht die Formulierung in eine vertraute Bahn.

Etymologie

Etymologische Vertiefung offen

Provenienz

Semantik/Bedeutungslehre → Kollokation → gegenwärtige Fachverwendung

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kollokation“. Atlas der Sprache, AT-091-034. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-034

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-034

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Historischer Hintergrund

Firths 1957 veröffentlichte Synopsis untersucht Kollokationen als gewohnheitsmäßige sprachliche Nachbarschaften mit gegenseitiger Erwartbarkeit. Er trennt die Beziehungen konkreter Wörter von grammatischen Kategorienverbindungen, den Kolligationen. Damit wird eine belegte Phase der kontextbezogenen Bedeutungsanalyse sichtbar. Die Passage beweist weder die Erstprägung des Wortes noch einen unmittelbar gleichen Entstehungsweg des deutschen Fachgebrauchs.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Eine Kollokation ist analytisch mehr als zufälliges Nebeneinander. Ihre Beurteilung muss die typischen Erwartungsbeziehungen der jeweiligen Sprache berücksichtigen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • HC-C-FIRTH · SectionIV printed11–12 and SectionV printed13–14; PDF7–9 (1-based), web lines455–560; grammatical colligation versus lexical collocation
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.