Vertiefung
Eine Kollokation ist eine im Sprachgebrauch auffällig häufige oder konventionell bevorzugte Verbindung lexikalischer Einheiten. Ihre Wörter sind grundsätzlich selbständig, wählen einander aber nicht völlig frei: Man trifft eine Entscheidung, hegt Zweifel oder übt Kritik, obwohl grammatisch zahlreiche Alternativen denkbar wären. Kollokationen liegen zwischen freier Kombination und fester Redewendung. Statistik kann ihre Anziehung sichtbar machen, doch Frequenz allein erklärt weder Register noch semantische Einschränkung; Korpusgröße, Vergleichswert und Textsorte müssen berücksichtigt werden. Die Denkbewegung entdeckt in wiederholter Nachbarschaft eine sprachliche Erwartung und prüft, wie stark diese Verbindung Bedeutung und Formulierung lenkt.
Denkbewegung
1. Zwei oder mehrere Wörter begegnen einander in vielen Äußerungen häufiger, als freie Kombinierbarkeit erwarten ließe. 2. Korpusvergleich misst ihre Anziehung relativ zu Einzelfrequenzen, Textsorten und möglichen Alternativen. 3. Die wiederkehrende Verbindung wird für Sprechende zu einer erwartbaren und schnell verfügbaren Formulierung. 4. Die Gegenprobe trennt statistischen Zufall, sachbedingt gemeinsames Auftreten und vollständig fixierte Idiomatik. 5. Im Gebrauch zeigt sich, wie Konvention die Wortwahl begrenzt, ohne sie grammatisch vollständig festzuschreiben.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Korpuslinguistik, Lexikografie und Fremdsprachendidaktik können Kollokationen mit Assoziationsmaßen, Registervergleich und Akzeptabilitätsurteilen bestimmen. Wörterbücher machen typische Partnerschaften statt bloßer Einzelbedeutungen zugänglich.
Beispiel
eine Entscheidung treffen. Im Korpus erscheint fast immer »scharfe Kritik«, während »spitze Kritik« möglich, aber deutlich seltener ist. Die bevorzugte Verbindung wird von Lernenden als typische Wortpartnerschaft erworben.
Gegenbeispiel
Eine zufällige einmalige Wortnachbarschaft ist noch keine Kollokation. Eine einmalige Nachbarschaft von »grün« und »Ordner« begründet keine Kollokation. Auch Wörter, die nur wegen eines eng begrenzten Themas gemeinsam auftreten, benötigen einen Vergleich mit anderen Kontexten.
Abgrenzung
Von Idiom als semantisch häufig nicht kompositionaler fester Einheit, bloßer Kookkurrenz und grammatischer Valenz unterscheiden. Kollokation bezeichnet eine konventionelle lexikalische Auswahlbeziehung.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Kollokationen beschleunigen Produktion und lassen Sprache idiomatisch wirken. Ungewöhnliche Kombinationen können als Fehler auffallen oder gerade poetische Aufmerksamkeit und neue Bedeutungsnuancen erzeugen.
Resonanz
Wörter erinnern sich an ihre häufigsten Nachbarn. Wenn eines erscheint, klingt die erwartete Verbindung bereits mit und zieht die Formulierung in eine vertraute Bahn.
Etymologie
Etymologische Vertiefung offen
Provenienz
Semantik/Bedeutungslehre → Kollokation → gegenwärtige Fachverwendung
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kollokation“. Atlas der Sprache, AT-091-034. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-034Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Firths 1957 veröffentlichte Synopsis untersucht Kollokationen als gewohnheitsmäßige sprachliche Nachbarschaften mit gegenseitiger Erwartbarkeit. Er trennt die Beziehungen konkreter Wörter von grammatischen Kategorienverbindungen, den Kolligationen. Damit wird eine belegte Phase der kontextbezogenen Bedeutungsanalyse sichtbar. Die Passage beweist weder die Erstprägung des Wortes noch einen unmittelbar gleichen Entstehungsweg des deutschen Fachgebrauchs.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Eine Kollokation ist analytisch mehr als zufälliges Nebeneinander. Ihre Beurteilung muss die typischen Erwartungsbeziehungen der jeweiligen Sprache berücksichtigen.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- HC-C-FIRTH · SectionIV printed11–12 and SectionV printed13–14; PDF7–9 (1-based), web lines455–560; grammatical colligation versus lexical collocation