ATLAS DER SPRACHE

AT-HWRH-0004 · ATLAS 260

Rhetorizität

Graduelle Eigenschaft und Analyseperspektive, mit der untersucht wird, wie stark und auf welche Weise Kommunikation durch adressatenbezogene Auswahl, Anordnung, Form, Medium und Wirkung rhetorisch organisiert ist.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Rhetorizität macht die graduelle rhetorische Organisation von Kommunikation untersuchbar und verhindert eine starre Trennung zwischen rhetorischer und neutraler Rede. Eine allgemeine These rhetorisch verfasster Wirklichkeit überschreitet die lokal operationalisierten Vergleichskriterien.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Rhetorizität verschiebt die Beobachtung von der Frage „Welche Figur liegt vor?“ zur Frage „Wie und in welchem Ausmaß arbeitet diese Darstellung rhetorisch?“ Untersucht werden können Auswahl, Anordnung, Adressierung, Metaphorik, Evidenzerzeugung, Sprecherposition und mediale Inszenierung. Eine enge Lesart behandelt Rhetorizität als prüfbare Eigenschaft konkreter Verfahren. Eine starke Lesart behauptet, Sprache, Wissen oder Wirklichkeit seien grundsätzlich rhetorisch verfasst. Der Atlas hält beide Lesarten sichtbar, verwendet für wissenschaftliche Analysen aber nur explizit operationalisierte Kriterien und Vergleichsfassungen.

Denkbewegung

1. Eine Darstellung wird nicht nur auf ihren Inhalt, sondern auf ihre Formentscheidungen hin gelesen. 2. Die Analyse benennt konkrete rhetorische Verfahren und ihre Adressaten. 3. Sie rekonstruiert, welche Aufmerksamkeit, Plausibilität oder Handlungsperspektive diese Verfahren erzeugen. 4. Vergleichsfassungen zeigen, ob und wie stark die Wirkung formabhängig ist. 5. Die Reichweite der Aussage wird markiert: lokales Verfahren, Gattungsmerkmal oder allgemeine Rhetorizitätsthese.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Analyse von Abstracts kann Rhetorizität operationalisieren, indem sie Behauptungsstärke, Evidenzmarker, Einschränkungen, Metaphern und Reihenfolge codiert. Ein Vergleich mit Daten und Volltext prüft anschließend, welche Formen nur verdichten und welche den Grad behaupteter Sicherheit verschieben. Abgrenzung und Relationenprüfung: Performativität fragt nach hervorgebrachter Wirklichkeit, Multimodalität nach dem Zusammenwirken von Modi, Wissenschaftssprache nach fachlichen Sprachformen und Hypertextrhetorik nach einem konkreten digitalen Fall. Rhetorizität untersucht deren mögliche persuasive oder aufmerksamkeitsordnende Geformtheit. Ein pauschales Sternnetz zu sämtlichen rhetorischen Figuren wird ausdrücklich verworfen. Keine Relation ist vor dem Gate gesetzt.

Beispiel

Zwei Forschungsberichte nennen dieselbe Unsicherheit. Der eine stellt sie im ersten Satz als Grenze heraus, der andere platziert sie im Anhang und eröffnet mit einem eindeutigen Ergebnis. Die Daten bleiben gleich; Anordnung und Adressierung verändern jedoch die wahrgenommene Gewissheit.

Gegenbeispiel

Nicht jede sprachliche Formdifferenz ist bereits rhetorisch relevant. Wer Rhetorizität behauptet, muss Adressierung, Auswahl, Form, Situation und eine beobachtbare oder begründet rekonstruierte Wirkung ausweisen und möglichst mit einer weniger rhetorisch organisierten Alternative vergleichen. Aus dem Nachweis einer Metapher in einem Fachtext folgt weder, dass sein Befund falsch ist, noch dass Wissenschaft nur Rhetorik sei. „Alles ist rhetorisch“ ist keine hinreichende Analyse.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Rhetorizität macht die formende Arbeit einer Darstellung sichtbar, ohne ihren Gegenstand auf bloße Wirkung zu reduzieren.

Resonanz

Ein Befund erreicht sein Publikum nie formlos. Rhetorizität beschreibt, wie sein sprachlicher und medialer Körper das Feld möglicher Antworten verändert.

Provenienz

HWRh, Bd. 8, Artikel Rhetorizität, Sp. 213–220; unabhängiger Quellen-, Terminologie- und Relationspass vom 14. September 2026

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Rhetorizität“. Atlas der Sprache, AT-HWRH-0004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HWRH-0004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HWRH-0004

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Kalivoda und Zinsmaier nennen Rhetorizität in der 2005 herausgegebenen Darstellung als neuere begriffliche Ausdifferenzierung des rhetorischen Wortfelds und erläutern sie als Textqualität. Sie ordnen solche Neubildungen einer zunehmenden fachlichen Spezifizierung und interdisziplinären Bedeutung der Rhetorik zu. Belegt ist damit eine moderne terminologische Einordnung, nicht eine schon antike Verwendung des Wortes. Der eigene Rhetorizität-Artikel des Bandes ist hier nicht zugänglich gelesen; eine genaue graduelle Ausarbeitung und die englische Begriffsgeschichte bleiben offen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Rhetorische Organisation anhand von Adressierung, Anordnung und Wirkungserwartung beschreiben. Ein einzelner Schmuckausdruck reicht nicht aus, um den Grad dieser Qualität festzulegen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.