Vertiefung
Rhetorizität verschiebt die Beobachtung von der Frage „Welche Figur liegt vor?“ zur Frage „Wie und in welchem Ausmaß arbeitet diese Darstellung rhetorisch?“ Untersucht werden können Auswahl, Anordnung, Adressierung, Metaphorik, Evidenzerzeugung, Sprecherposition und mediale Inszenierung. Eine enge Lesart behandelt Rhetorizität als prüfbare Eigenschaft konkreter Verfahren. Eine starke Lesart behauptet, Sprache, Wissen oder Wirklichkeit seien grundsätzlich rhetorisch verfasst. Der Atlas hält beide Lesarten sichtbar, verwendet für wissenschaftliche Analysen aber nur explizit operationalisierte Kriterien und Vergleichsfassungen.
Denkbewegung
1. Eine Darstellung wird nicht nur auf ihren Inhalt, sondern auf ihre Formentscheidungen hin gelesen. 2. Die Analyse benennt konkrete rhetorische Verfahren und ihre Adressaten. 3. Sie rekonstruiert, welche Aufmerksamkeit, Plausibilität oder Handlungsperspektive diese Verfahren erzeugen. 4. Vergleichsfassungen zeigen, ob und wie stark die Wirkung formabhängig ist. 5. Die Reichweite der Aussage wird markiert: lokales Verfahren, Gattungsmerkmal oder allgemeine Rhetorizitätsthese.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine Analyse von Abstracts kann Rhetorizität operationalisieren, indem sie Behauptungsstärke, Evidenzmarker, Einschränkungen, Metaphern und Reihenfolge codiert. Ein Vergleich mit Daten und Volltext prüft anschließend, welche Formen nur verdichten und welche den Grad behaupteter Sicherheit verschieben. Abgrenzung und Relationenprüfung: Performativität fragt nach hervorgebrachter Wirklichkeit, Multimodalität nach dem Zusammenwirken von Modi, Wissenschaftssprache nach fachlichen Sprachformen und Hypertextrhetorik nach einem konkreten digitalen Fall. Rhetorizität untersucht deren mögliche persuasive oder aufmerksamkeitsordnende Geformtheit. Ein pauschales Sternnetz zu sämtlichen rhetorischen Figuren wird ausdrücklich verworfen. Keine Relation ist vor dem Gate gesetzt.
Beispiel
Zwei Forschungsberichte nennen dieselbe Unsicherheit. Der eine stellt sie im ersten Satz als Grenze heraus, der andere platziert sie im Anhang und eröffnet mit einem eindeutigen Ergebnis. Die Daten bleiben gleich; Anordnung und Adressierung verändern jedoch die wahrgenommene Gewissheit.
Gegenbeispiel
Nicht jede sprachliche Formdifferenz ist bereits rhetorisch relevant. Wer Rhetorizität behauptet, muss Adressierung, Auswahl, Form, Situation und eine beobachtbare oder begründet rekonstruierte Wirkung ausweisen und möglichst mit einer weniger rhetorisch organisierten Alternative vergleichen. Aus dem Nachweis einer Metapher in einem Fachtext folgt weder, dass sein Befund falsch ist, noch dass Wissenschaft nur Rhetorik sei. „Alles ist rhetorisch“ ist keine hinreichende Analyse.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Rhetorizität macht die formende Arbeit einer Darstellung sichtbar, ohne ihren Gegenstand auf bloße Wirkung zu reduzieren.
Resonanz
Ein Befund erreicht sein Publikum nie formlos. Rhetorizität beschreibt, wie sein sprachlicher und medialer Körper das Feld möglicher Antworten verändert.
Provenienz
HWRh, Bd. 8, Artikel Rhetorizität, Sp. 213–220; unabhängiger Quellen-, Terminologie- und Relationspass vom 14. September 2026
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Rhetorizität“. Atlas der Sprache, AT-HWRH-0004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HWRH-0004Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Kalivoda und Zinsmaier nennen Rhetorizität in der 2005 herausgegebenen Darstellung als neuere begriffliche Ausdifferenzierung des rhetorischen Wortfelds und erläutern sie als Textqualität. Sie ordnen solche Neubildungen einer zunehmenden fachlichen Spezifizierung und interdisziplinären Bedeutung der Rhetorik zu. Belegt ist damit eine moderne terminologische Einordnung, nicht eine schon antike Verwendung des Wortes. Der eigene Rhetorizität-Artikel des Bandes ist hier nicht zugänglich gelesen; eine genaue graduelle Ausarbeitung und die englische Begriffsgeschichte bleiben offen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Rhetorische Organisation anhand von Adressierung, Anordnung und Wirkungserwartung beschreiben. Ein einzelner Schmuckausdruck reicht nicht aus, um den Grad dieser Qualität festzulegen.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- A-KALIVODA-ZINSMAIER-RHETORIZITAET-2005 · Printed3/PDF13, modern differentiation of rhetorical terminology; note38 printed5/PDF15