ATLAS DER SPRACHE

AT-HWRH-0003 · ATLAS 260

Res-verba-Problem

Historische Problemfamilie zur Frage, wie sprachliche Ausdrücke, Begriffe, Gedanken und Gegenstände aufeinander bezogen werden und wie sprachliche Form diesen Bezug darstellt, ordnet oder verändert.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Das Res-verba-Problem ist notwendig, um konkurrierende Auffassungen von sprachlicher Form und Gegenstandsbezug als historische Problemfamilie einzuordnen. Res kann Sache, Gedanke oder Begriff meinen; Referenz darf diese historischen Ebenen nicht stillschweigend gleichsetzen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Die klassische Formel res et verba scheint zunächst zwei Seiten zu trennen: das, worüber gesprochen wird, und die Wörter, in denen es erscheint. Historisch kann res Sache, Gegenstand, Inhalt, Gedanke oder Begriff bezeichnen; das Profil darf diese Ebenen nicht vorschnell gleichsetzen. Bei genauer Prüfung treten Wahrnehmung, Zeichen, Referenz, Kontext und Gebrauch hinzu. Die Denkbewegung fragt deshalb nicht nur, ob ein Ausdruck eine Sache richtig abbildet. Sie verfolgt auch, welche Merkmale die Benennung hervorhebt, welche Alternativen sie verdeckt und ob der Gegenstand unabhängig von dieser sprachlichen Gliederung bereits bestimmt war. Weder bildet Sprache Welt nur passiv ab, noch erzeugt sie sämtliche Gegenstände. Das Profil entscheidet den Streit nicht, sondern macht seine wechselnden Voraussetzungen prüfbar.

Denkbewegung

1. Ein Gegenstand und seine Benennung werden zunächst analytisch getrennt. 2. Der verwendete Ausdruck wird auf Auswahl, Begriffsumfang und Konnotation geprüft. 3. Alternative Benennungen verändern die sichtbaren Eigenschaften des Gegenstands. 4. Die Analyse unterscheidet Referenz, begriffliche Gliederung und pragmatischen Gebrauch. 5. Schließlich wird gefragt, was an der Sache gegenüber diesen Fassungen widerständig bleibt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

In einer interdisziplinären Umweltstudie kann ein Res-verba-Protokoll alle zentralen Bezeichnungen, ihre operationalen Definitionen und die dadurch ausgeschlossenen Fälle erfassen. So wird sichtbar, ob Fachgruppen tatsächlich über denselben Gegenstand streiten oder durch verschiedene sprachliche Schnitte unterschiedliche Forschungsgegenstände bilden. Abgrenzung und Relationenprüfung: Dyadische und triadische Zeichenmodelle bieten Systematisierungen; Zeichenprozess betont den Vollzug und Bedeutungsfeld semantische Nachbarschaften. Das Res-verba-Profil ist die historische und erkenntnistheoretische Querfrage. Vorgeschlagene Relationen sind noch nicht kanonisch.

Beispiel

Dasselbe städtische Areal heißt im Plan „Brachfläche“, im Artenbericht „Ruderalbiotop“ und im Quartiersforum „Freiraum“. Die Ausdrücke beziehen sich auf denselben Ort, machen aber verschiedene Eigenschaften, Zuständigkeiten und Handlungsoptionen relevant.

Gegenbeispiel

Dass verschiedene Wörter verschiedene Perspektiven eröffnen, beweist nicht, dass Sprache ihren Gegenstand vollständig erzeugt. Umgekehrt beweist die Möglichkeit gemeinsamer Referenz nicht, dass alle Benennungen neutral oder gleichwertig sind. Beide Kurzschlüsse verfehlen das Problem.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das Res-verba-Problem unterbricht die Illusion, eine Benennung sei entweder reiner Spiegel oder freie Erfindung.

Resonanz

Zwischen Sache und Wort verläuft keine starre Linie. Jede Benennung versetzt bestimmte Merkmale in Schwingung, während die Sache der Benennung zugleich Widerstand entgegensetzen kann.

Provenienz

HWRh, Bd. 7, Artikel Res-verba-Problem, Sp. 1199–1306; unabhängiger Quellen-, Terminologie- und Relationspass vom 14. September 2026

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Res-verba-Problem“. Atlas der Sprache, AT-HWRH-0003. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HWRH-0003

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HWRH-0003

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Locke bestimmt im dritten Buch seines Essay Wörter als willkürlich gesetzte Zeichen von Ideen. Ihre unmittelbare Bedeutung sind für ihn zunächst Vorstellungen der sprechenden Person, nicht ohne Vermittlung die äußeren Dinge. Die neu gelesene englische Transkription liefert damit eine bestimmte Position im Problemfeld von Sprache und Sache. Sie belegt nicht das deutsche Sammellabel Res-verba-Problem und ersetzt keine Originalpassage aus der älteren lateinischen Rhetorik.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Zwischen Wort und Sache kann eine Vorstellung liegen. Eine Analyse sollte die angenommene Vermittlung nennen, statt unmittelbare Abbildung vorauszusetzen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • HC-C-LOCKE-III · BookIII chapterII §§1–2; savedtext208–257
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.