ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR10-0004 · ATLAS 260

Ekphrase

Anschauliche, häufig als eigenständige Passage ausgearbeitete sprachliche Darstellung einer Person, eines Ortes, Gegenstands oder Erlebnisses.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Ekphrase macht die sprachliche Darstellung eines Sichtbaren als Auswahl und Gestaltung erkennbar. Wörter übernehmen ein Bild nicht unverändert, sondern ordnen Aufmerksamkeit, Zeit und Deutung neu. Der Eintrag begründet damit einen besonderen Medienvergleich; der historische weitere Beschreibungsumfang und die engere Kunstwerkverwendung müssen erkennbar bleiben.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ekphrase ist eine anschauliche, häufig als eigene Passage ausgearbeitete sprachliche Darstellung einer Person, eines Ortes, Gegenstands, Kunstwerks oder Erlebnisses. Sie überträgt nicht einfach ein fertiges Bild in Wörter. Durch Auswahl, Reihenfolge, Perspektive und sprachliches Tempo entwirft sie eine Weise des Sehens und kann Abwesendes für ein Publikum gegenwärtig erscheinen lassen. Besonders bei Kunstwerken tritt ein produktiver Medienwechsel hervor: Sprache antwortet auf Sichtbares, ergänzt Zeit, Stimme oder Deutung und macht zugleich ihre eigenen Grenzen bemerkbar. Ekphrase ist daher Beschreibung und Erkenntnishandlung. Sie fragt, was durch Versprachlichung sichtbar wird, was verloren geht und welche Aufmerksamkeit erst entsteht.

Denkbewegung

1. Ein sichtbarer, erinnerter oder vorgestellter Gegenstand steht zunächst als räumliche oder sinnliche Gestalt gegenüber. 2. Die Beschreibung wählt Merkmale, Blickpunkt und Reihenfolge und führt Aufmerksamkeit durch das Wahrnehmungsfeld. 3. Sprachliche Details erzeugen beim Publikum eine innere Gegenwart, die über bloße Benennung hinausgeht. 4. Die Gegenprobe vergleicht Auswahl und Perspektive mit dem Gegenstand und markiert Auslassungen oder Deutungszusätze. 5. Das Beschriebene kehrt als durch Sprache neu gesehene, zeitlich entfaltete und diskutierbare Gestalt zurück.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft können Blickführung, Auswahl, Temporalität und intermediale Transformation analysieren. Rezeptionsstudien prüfen, welche Details Leser visualisieren und wie Beschreibungen Kunsturteile beeinflussen.

Beispiel

Die Beschreibung folgt auf einem Gemälde zuerst dem schmalen Lichtstreifen am Horizont, dann den gebeugten Rücken der Wartenden und zuletzt der verschlossenen Tür, auf die alle Blicke zulaufen.

Gegenbeispiel

»Auf dem Bild ist ein Haus« benennt einen Gegenstand, entfaltet aber noch keine anschauliche Wahrnehmungsbewegung. Umfang allein macht eine sachliche Inventarliste ebenfalls nicht zur Ekphrase.

Abgrenzung

Von bloßer Bildbeschreibung, Enargia, Hypotyposis, Prosopographia und Chorographia unterscheiden. Ekphrase ist die ausgearbeitete anschauliche Darstellung; die Nachbarbegriffe benennen besondere Wirkungen oder Gegenstandsbereiche.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Ekphrase macht Abwesendes anschaulich, lenkt Wahrnehmung und verwandelt räumliche Gestalt in einen zeitlich durchlaufenen sprachlichen Erfahrungsraum.

Resonanz

Das Sichtbare antwortet im Medium der Sprache; Worte senden den Blick zurück zum Gegenstand, der unter ihrer Führung anders hervortritt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Denkbewegung → DE/EN-Doppelfassung → Darstellungsfiguren → ATLAS_173

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Ekphrase“. Atlas der Sprache, AT-HAR10-0004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR10-0004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR10-0004

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Historischer Hintergrund

Bullingers Ecphrasis bezeichnet ausführlichere Erklärung; daraus lässt sich die moderne Kunstbeschreibung nicht unmittelbar ableiten. John Dixon Hunt stellt 1994 auf der Eröffnungsseite von Ekphrasis of gardens unterschiedliche zeitgenössische Definitionen gegenüber: anschauliche Beschreibung von Personen, Orten und Dingen, eingeschobene selbständige Beschreibung und literarische Darstellung realer oder vorgestellter Kunstwerke. Die Kunstwerkfassung ist folglich eine engere Verwendung, keine unveränderte Bedeutung aller älteren Belege. Hunt wird hier als direkt gelesener Zeuge dieser Definitionsdebatte verwendet; die von ihm zitierten Autoren sind nicht sämtlich separat geprüft. Im Atlas fragen wir deshalb zuerst, ob der Text einen Gegenstand beschreibt oder eine bereits vorhandene Darstellung neu darstellt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir fragen, ob eine Aussage erläutert oder ein Gegenstand imaginativ gegenwärtig gemacht wird. Beide verbessern Verstehen auf unterschiedlichen Wegen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.