ATLAS DER SPRACHE

AT-DEP2-0009 · ATLAS 260

Intensivbildung

Wortbildung, die eine Eigenschaft, Handlung oder Menge als besonders stark ausgeprägt darstellt.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Intensivbildung erschließt Verstärkung als Wortbildungsleistung und trennt die gebundene Formgebung von frei hinzutretenden Gradangaben. Ein Augmentativ betrifft oft Größe, während die intensive Bildung auch Handlung oder Eigenschaft verstärken kann.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Intensivbildung bezeichnet Wortbildungsverfahren, die den Grad einer Eigenschaft, Handlung oder Menge als besonders hoch markieren. Deutsche Bildungen wie »stockdunkel«, »blitzschnell« oder »mutterseelenallein« zeigen, dass Verstärkung nicht nur durch freie Wörter wie »sehr« ausgedrückt wird, sondern in eine wiedererkennbare Wortgestalt eingehen kann. Die beteiligten Elemente verlieren dabei mitunter einen Teil ihrer konkreten Ausgangsbedeutung und werden zu produktiven oder halbproduktiven Verstärkern. Ihre Wirkung hängt von Konvention, Register und Neuheit ab: Eine vertraute Bildung wird rasch verarbeitet, eine unerwartete kann ein lebhaftes Bild öffnen. Intensivbildung macht sichtbar, wie Bewertung und Skala in Morphologie gerinnen und wie ein einst anschaulicher Vergleich zum formalen Gradmarker werden kann.

Denkbewegung

1. Eine Eigenschaft oder Handlung erscheint zunächst auf einer denkbaren Skala, ohne dass ihr außergewöhnlicher Grad bereits sprachlich hervorgehoben ist. 2. Ein Wortbildungselement verbindet sich mit der Basis und lagert die Verstärkung unmittelbar in die Gestalt des neuen Wortes ein. 3. Konkrete Bildbedeutung und abstrakte Gradfunktion überlagern sich je nach Bekanntheit, Produktivität und situativem Register. 4. Die Gegenprobe prüft, ob tatsächlich Wortbildung vorliegt oder lediglich syntaktische Steigerung, freie Modifikation oder eine nichtgradierbare Klassifikation. 5. Die verstärkte Form kehrt als bewertete Wahrnehmung zurück: Nicht nur die Sache, sondern ihre außergewöhnliche Intensität wird zum sprachlichen Vordergrund.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Morphologie, Phraseologie und Korpuslinguistik untersuchen Produktivität, Lexikalisierung, Register und Bedeutungsbleichung von Verstärkungselementen. Diachrone Belege zeigen den Übergang vom konkreten Erstglied zum Gradmarker.

Beispiel

Nach dem Stromausfall nennt eine Erzählerin den Flur »stockdunkel«; die Bildung macht aus fehlendem Licht einen markierten Extremgrad und trägt zugleich ein vertrautes Sprachbild mit.

Gegenbeispiel

In »sehr dunkler Raum« leistet das freie Adverb die Gradierung, während »dunkler Raum« nur klassifiziert. Beides ist keine Intensivbildung im engeren morphologischen Sinn.

Abgrenzung

Von Augmentativ als häufig größenbezogener morphologischer Kategorie, syntaktischer Intensivierung durch freie Wörter, Gradation als rhetorischer Folge und bloßem Kompositum ohne Verstärkungsfunktion unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Intensivbildung verdichtet Skalierung und Bewertung in einem Wort, erhöht Anschaulichkeit oder Expressivität und kann extreme Grade als kulturell vertraute Kategorien stabilisieren.

Resonanz

Ein konkretes Bild klingt im abstrakten Grad weiter: Blitz, Stock oder Seele geben der Verstärkung einen Körper, selbst wenn ihre ursprüngliche Bedeutung verblasst.

Etymologie

Metzler-Tiefenlauf 02 · Herkunft und Gebrauch werden im Fachquellenpass vertieft

Provenienz

Metzler 6 → Unterschwellenraum → Tiefenlauf 02 → Resonanzprüfung → ATLAS_185

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Intensivbildung“. Atlas der Sprache, AT-DEP2-0009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-DEP2-0009

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-DEP2-0009

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Sapirs Reduplikationsübersicht von 1921 verbindet die Wiederholung ganzer oder teilweiser Wortbasen mit unterschiedlichen Funktionen. Neben Intensität erscheinen Mehrzahl, Wiederholung, Dauer und weitere grammatische Aufgaben. Die sichtbare Verdopplung darf deshalb nicht automatisch als Verstärkung gelesen werden. Für Intensivbildung trägt die Quelle den historischen Nachweis, dass eine Wortbildungsoperation eine konventionalisierte Gradfunktion annehmen kann; sie belegt nicht sämtliche anderen Intensivstrategien. Die einzelnen Sprachbeispiele bleiben historische Berichte. Auch Sapirs pauschale psychologische Deutungen werden nicht als aktuelle Erklärung übernommen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Die Formoperation allein entscheidet nicht über Intensität; konventionelle Bedeutung und Gebrauch müssen hinzukommen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language (1921), Gutenberg transcription with 1939 printing information · Chapter IV: partial and full reduplication, including intensifying functions

    Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. The inspected transcription carries 1921 copyright and later printing information; no first-edition collation. Historical language names and generalisations require modern checking.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.