ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-243-028 · ATLAS 260

Pasigraphie

Entwurf einer sprachübergreifend lesbaren Schrift, die Bedeutungen möglichst unabhängig von einzelnen Lautsprachen notiert.

Teil des Themenwegs Schrift, Typografie und Medien

Warum dieser Begriff im Atlas?

E · Exemplarischer Fall R3 · Begründeter exemplarischer Fall

Pasigraphie ist ein begründeter Grenzfall, an dem der Anspruch sprachunabhängiger Lesbarkeit und seine konzeptuellen Voraussetzungen geprüft werden können. Der universale Leseanspruch unterscheidet das Projekt von einer nur lokal nutzbaren Begriffsschrift.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Pasigraphie bezeichnet den Entwurf einer sprachübergreifend lesbaren Schrift, die Bedeutungen möglichst unabhängig von einzelnen Lautsprachen notiert. Solche Projekte ordnen Zeichen Begriffen, logischen Relationen oder Wissensklassen zu und versprechen Verständigung ohne gemeinsame Aussprache. Dieses Versprechen ist produktiv, aber begrenzt: Auswahl, Gliederung und Gebrauch der Zeichen beruhen weiterhin auf Konventionen, kulturellen Kategorien und erlernter Grammatik. Eine Pasigraphie beseitigt Übersetzung daher nicht, sondern verlagert sie in den Aufbau des Zeichensystems. Die Denkbewegung führt von sprachlicher Vielfalt zur gemeinsamen Notation, prüft deren tatsächliche Lernbarkeit und Ausdrucksweite und kehrt mit der Einsicht zurück, dass Universalität stets gestaltet, ausgehandelt und durch konkrete Nutzergruppen getragen wird.

Denkbewegung

1. Verschiedene Lautsprachen benennen denselben Gegenstandsbereich zunächst mit voneinander unabhängigen Formen und grammatischen Strukturen. 2. Ein Entwurf weist gemeinsamen Begriffen oder Relationen standardisierte sichtbare Zeichen zu und umgeht die Aussprache. 3. Nutzende lernen Kombinationsregeln und prüfen, welche Aussagen über Sprachgrenzen hinweg tatsächlich rekonstruiert werden können. 4. Die Gegenprobe sucht kulturell strittige Kategorien, Mehrdeutigkeiten und Ausdrucksbereiche, die das System nicht neutral abbildet. 5. Pasigraphie kehrt als vermittelnde Plansprache der Schrift zurück, deren Reichweite von Konvention und Pflege abhängt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Schriftgeschichte, Semiotik und Interlinguistik vergleichen pasigraphische Entwürfe nach Ausdrucksmächtigkeit, Lernaufwand und kultureller Voraussetzung. Gebrauchstests zeigen, ob Lesende tatsächlich dieselben Relationen rekonstruieren.

Beispiel

Ein fiktives Forschungsnetz entwickelt Zeichen für Ursache, Unsicherheit und Messwert, sodass Teams Ergebnisse notieren können; bei kulturellen Wertbegriffen müssen sie zusätzliche Definitionen aushandeln.

Gegenbeispiel

Ein international bekanntes Einzelzeichen oder eine Sammlung von Piktogrammen ist noch keine Pasigraphie. Erforderlich ist ein systematischer, kombinierbarer Entwurf für sprachübergreifend lesbare Bedeutungsnotation.

Abgrenzung

Von Begriffsschrift als allgemeiner begriffsbezogener Notation, Ideographie als historischer Vorstellung unmittelbarer Ideenzeichen und Übersetzung als Übertragung zwischen sprachlichen Gefügen unterscheiden. Pasigraphie ist ein Universalitätsprojekt.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Pasigraphien können fachliche Kooperation erleichtern und den Blick auf begriffliche Struktur schärfen. Sie riskieren zugleich, lokale Unterschiede als Störung eines vermeintlich universalen Systems zu behandeln.

Resonanz

Zeichen suchen einen Weg zwischen Sprachen, ohne über denselben Klang zu führen. Ihre Verbindung entsteht im gemeinsam erlernten Bedeutungsraum und bleibt dort verhandelbar.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

ATLAS_241 Restfalltriage → Profilkandidat 241-B → Quellen- und Nachbarschaftsabgleich → ATLAS_243

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Pasigraphie“. Atlas der Sprache, AT-CORE-243-028. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-243-028

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-243-028

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Jacobs historischer Überblick von 1858 erläutert den Anspruch einer allgemein lesbaren Schrift und behandelt unter anderem Maimieux’ System. Vergleiche mit mathematischen und anderen Zeichen dienen der Vorstellung gemeinsamer Verständigung. Der Text dokumentiert ein Projektideal, nicht dessen vollständige Verwirklichung. Eine behauptete Sprachunabhängigkeit muss von der weiterhin nötigen Kenntnis des Zeichencodes getrennt werden. [JACOB-1858]

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Welche Voraussetzungen bleiben bestehen, wenn wir Wörter durch vermeintlich allgemein verständliche Zeichen ersetzen?

Präzisierte Kurzdefinition

Pasigraphie ist der Entwurf einer schriftlichen Verständigung, die unabhängig von verschiedenen gesprochenen Sprachen lesbar sein soll.

Ergänzende Vertiefung

Ein gemeinsames Zeichen kann eine Sprachgrenze überbrücken, aber die Verständigung nicht voraussetzungslos machen. Die Denkbewegung untersucht Form, Konvention und Aufgabe getrennt. Die Gegenprobe fragt nach einem Leser, der den Code nicht kennt oder die Situation anders versteht. Resonanz entsteht durch gewonnene gemeinsame Orientierung; gerade ihre Grenze verhindert, ein vertrautes Bild für die natürliche Sprache aller Menschen zu halten.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes Szenario: Ein Pfeil weist zum Ausgang. Gegenprobe: Er zeigt eine Richtung; ob man dort hinausgehen darf und wohin der Weg führt, steht nicht allein im Pfeil.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.