ATLAS DER SPRACHE

AT-145-004 · ATLAS 260

Personorientiertes Demonstrativsystem

Demonstrativsystem, das Referenten nach ihrer Nähe zu Sprecher, Hörer oder beiden ordnet.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Personorientierte Demonstrativsysteme machen das Gegenüber zum eigenen Orientierungspunkt räumlicher Referenz. Die Teilnehmergeometrie unterscheidet sie von dreistufigen Systemen, die lediglich Entfernungsgrade kodieren.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein personorientiertes Demonstrativsystem ordnet Referenten danach, ob sie sich im deiktischen Raum eher beim Sprecher, beim Hörer oder außerhalb beider Nahbereiche befinden. Anders als ein einfacher Kontrast von proximal und distal baut ein solches System die Position des Gegenübers als eigenständigen Orientierungspunkt in die Grammatik des Zeigens ein. Japanische Reihen wie kono, sono und ano werden häufig in dieser Weise beschrieben, doch dreigliedrige Systeme sind nicht automatisch personorientiert: Sie können stattdessen unterschiedliche Distanzgrade kodieren. Auch Gestik, Sichtbarkeit und Gesprächssituation können die Auswahl beeinflussen. Der Begriff macht deshalb nicht bloß drei Wörter, sondern eine relationale Raumordnung sichtbar. Zeigen beginnt an einer Origo, wird jedoch als gemeinsame Geometrie zwischen mindestens zwei Aufmerksamkeitszentren organisiert.

Denkbewegung

1. Ein Referent soll zunächst im gemeinsamen Wahrnehmungsraum identifiziert werden, während Sprecher und Hörer verschiedene räumliche Positionen einnehmen. 2. Das Sprachsystem stellt getrennte Demonstrativformen für Sprechernähe, Hörernähe und Entfernung von beiden Orientierungszentren bereit. 3. Die gewählte Form lokalisiert den Referenten relational und baut die Position des Gegenübers in den sprachlichen Zeigeakt ein. 4. Die Gegenprobe prüft Sprachdaten, Gebrauch und Gestik und trennt Personorientierung von drei bloßen Distanzstufen oder sozialer Deixis. 5. Der Raum kehrt als gemeinsam ausgehandelte Karte zurück: Der andere ist nicht nur Adressat, sondern ein grammatischer Mittelpunkt des Zeigens.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Sprachtypologie, Feldlinguistik und Pragmatik kombinieren Elizitation, Videoaufnahmen und natürliche Interaktion. Kontrastive Szenarien prüfen Sprecher-, Hörer- und Distanzorientierung und verhindern Fehlschlüsse aus Wörterbuchglossen.

Beispiel

Eine Sprecherin wählt für ein Buch neben ihrem Gesprächspartner die hörernahe Form, obwohl es von ihr ähnlich weit entfernt ist wie ein zweites Buch auf neutralem Raum; die Personposition entscheidet mit.

Gegenbeispiel

Ein System mit Formen für nah, mittelweit und sehr weit besitzt zwar drei Distanzgrade. Wenn keine Form spezifisch an der Hörernähe orientiert ist, ist es nicht allein deshalb personorientiert.

Abgrenzung

Von einfachem proximal-distalem Kontrast, mehrstufigem distanzorientiertem Demonstrativsystem, sozialer Deixis, Persondeixis und der Origo als allgemeinem deiktischem Ausgangspunkt unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das System verwandelt Zeigen in relationale Raumkoordination und macht die Position des Gegenübers zu einem grammatisch relevanten Zentrum gemeinsamer Aufmerksamkeit.

Resonanz

Ein Gegenstand liegt nicht nur hier oder dort; seine Form der Benennung antwortet auf zwei Körper im Raum und lässt zwischen ihnen eine geteilte deiktische Geometrie entstehen.

Etymologie

Japanisch · Tongaisch · Hausa · sprachvergleichende Passage

Provenienz

Pragmatik/Gespräch → Sprachtypologie → ATLAS_145

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Personorientiertes Demonstrativsystem“. Atlas der Sprache, AT-145-004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-145-004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-145-004

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Historischer Hintergrund

Sapir führt 1921 an einer modellhaften Szene mit Bauer und Ente vor, welche Orts- und Referenzbeziehungen in englischen und deutschen Beispielsätzen unausgesprochen bleiben. Seine anschließenden Paraphrasen beziehen Sichtbarkeit und räumliche Zuordnung zum Sprecher, Hörer oder einem entfernten Bezugspunkt ein. Eine solche demonstrative Ausarbeitung beschreibt er als für Kwakiutl selbstverständlich. Das ist ein historischer typologischer Vergleich, keine hier überprüfte vollständige Beschreibung des betreffenden Systems.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Personbezogene Anker, Entfernung und Sichtbarkeit sind unterschiedliche Parameter der demonstrativen Referenz.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language: An Introduction to the Study of Speech (1921) · Chapter V, farmer–duckling scene paraphrased around speaker and addressee

    Original English text read in the Gutenberg transcription. No first-coinage claim, full-book verification or automatic endorsement of the author’s 1921 language classifications and generalisations. Examples require modern descriptive checking before reuse as current language data.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.