Vertiefung
Domestizierung bezeichnet eine Übersetzungsstrategie, die sprachliche und kulturelle Fremdheit des Ausgangstexts zugunsten leichterer Anschlussfähigkeit an Erwartungen der Zielkultur reduziert. Namen, Maße, Anspielungen, Syntax, Textsortenkonventionen oder pragmatische Routinen können angepasst, erläutert oder durch vertrautere Entsprechungen ersetzt werden. Die Strategie ist kein einzelner technischer Schritt, sondern eine graduelle und historisch situierte Entscheidung darüber, was Leserinnen als vertraut erleben sollen. Sie kann Verständlichkeit, Bühnenwirksamkeit oder funktionale Äquivalenz fördern, zugleich aber kulturelle Differenz, Machtasymmetrien und die Stimme des Ausgangstexts glätten. Ihr Gegenpol wird häufig als Verfremdung oder Foreignization beschrieben, doch konkrete Übersetzungen kombinieren beide Richtungen. Die Denkbewegung führt einen Text über eine kulturelle Schwelle, verändert seine Zeichen für den neuen Raum und fragt, welche Fremdheit dabei produktiv übersetzbar bleibt oder unsichtbar wird.
Denkbewegung
1. Ein Ausgangstext enthält zunächst Formen, Wissensbestände und Konventionen, die im Zielkontext nicht ohne Weiteres anschlussfähig sind. 2. Die Übersetzung bestimmt ihren Skopos und wählt Stellen, an denen Vertrautheit, Lesefluss oder funktionale Wirkung Vorrang erhalten sollen. 3. Kulturelle und sprachliche Elemente werden angepasst, ersetzt, erläutert oder in zielsprachliche Textmuster überführt und dadurch leichter zugänglich. 4. Die Gegenprobe vergleicht Verluste und Gewinne und trennt Domestizierung von notwendiger Grammatik, Fehler, freier Bearbeitung und vollständiger Transkreation. 5. Der Text tritt im Zielraum vertrauter auf, trägt aber eine veränderte Differenz; Übersetzung wird als Entscheidung über Sichtbarkeit von Fremdheit erkennbar.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Übersetzungswissenschaft und Korpusforschung vergleichen Ausgangs- und Zieltexte, Paratexte, Skopos und Rezeptionsdaten. Sie kartieren kulturelle Substitutionen, Explikitation und Normen verschiedener Epochen und Genres.
Beispiel
Ein kulturspezifischer Vergleich wird durch einen vertrauten zielsprachlichen Vergleich ersetzt. Eine für das Ausgangspublikum selbstverständliche Maßeinheit wird in einer Gebrauchsanweisung in die lokal übliche Einheit umgerechnet, damit die gleiche Handlung sicher ausgeführt werden kann.
Gegenbeispiel
Eine weitgehend formnahe Übertragung, die Fremdheit sichtbar hält. Eine Übersetzerin verändert lediglich die Wortstellung, weil die Zielsprache grammatisch eine andere Reihenfolge verlangt. Unvermeidliche strukturelle Anpassung allein ist noch keine kulturelle Domestizierungsstrategie.
Abgrenzung
Von Verfremdung oder Foreignization, Exotisierung, Lokalisierung, Adaptation, Äquivalenz, Skopos, Transkreation und grammatisch notwendiger Anpassung unterscheiden; Eingriffsebene, Zweck und Machtwirkung dokumentieren.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Domestizierung kann Zugang und funktionale Wirksamkeit erhöhen, aber die Zielkultur als unsichtbare Norm setzen, historische Differenz glätten und asymmetrische kulturelle Übersetzungswege verstärken.
Resonanz
Ein Text betritt einen neuen Sprachraum in vertrauterer Gestalt; die entscheidende Frage ist, welche fremde Stimme darin weiterhin hörbar bleibt.
Etymologie
Zu lateinisch domesticus ›häuslich, zum Haus gehörig‹; in der Übersetzungstheorie metaphorisch für Anpassung an die Zielkultur.
Provenienz
Schleiermachers Übersetzungsrichtungen → Venutis foreignization/domestication → ethische Übersetzungsdebatte
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Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Domestizierung“. Atlas der Sprache, AT-103-025. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-025Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
In der neueren Translationswissenschaft wird Domestizierung vor allem mit Lawrence Venutis Gegenüberstellung domesticating und foreignizing translation verbunden. Die gelesene Forschung beschreibt Domestizierung als Annäherung des fremden Textes an Werte, Konventionen und Lesbarkeit der Zielkultur; in Venutis Kritik kann gerade die erwünschte Flüssigkeit den Übersetzer und die Fremdheit des Ausgangstextes unsichtbar machen. Spätere Diskussionen warnen jedoch vor einer starren Zweiteilung: dieselbe Entscheidung kann in ihrem historischen Kontext zugleich anpassen und irritieren. Damit ist eine englische Theoriegeschichte seit 1995 begrenzt belegt; die eigenständige deutsche Rezeptions- und Benennungsgeschichte bleibt offen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Domestizierung ist nicht mit jeder verständlichen Übersetzung gleichzusetzen. Zu prüfen ist, welche kulturelle oder sprachliche Differenz für welches Zielpublikum geglättet wird und welche Wirkung dadurch unsichtbar bleibt.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- NEW-E-DOMESTICATION-BENJAMINS · Discussion of Venuti 1995 and critique of domestication/foreignization criteria