ATLAS DER SPRACHE

AT-103-025 · ATLAS 260

Domestizierung

Übersetzungsstrategie, die einen Ausgangstext an Konventionen und Erwartungen der Zielsprache annähert.

Teil des Themenwegs Übersetzung und Unübersetzbarkeit

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Domestizierung macht Anpassung an Zielkonventionen als Übersetzungsentscheidung sichtbar. Der Eintrag prüft Zugang und verdeckte Normsetzung gemeinsam und verhindert, jede grammatisch nötige Anpassung schon als kulturpolitische Strategie auszulegen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Domestizierung bezeichnet eine Übersetzungsstrategie, die sprachliche und kulturelle Fremdheit des Ausgangstexts zugunsten leichterer Anschlussfähigkeit an Erwartungen der Zielkultur reduziert. Namen, Maße, Anspielungen, Syntax, Textsortenkonventionen oder pragmatische Routinen können angepasst, erläutert oder durch vertrautere Entsprechungen ersetzt werden. Die Strategie ist kein einzelner technischer Schritt, sondern eine graduelle und historisch situierte Entscheidung darüber, was Leserinnen als vertraut erleben sollen. Sie kann Verständlichkeit, Bühnenwirksamkeit oder funktionale Äquivalenz fördern, zugleich aber kulturelle Differenz, Machtasymmetrien und die Stimme des Ausgangstexts glätten. Ihr Gegenpol wird häufig als Verfremdung oder Foreignization beschrieben, doch konkrete Übersetzungen kombinieren beide Richtungen. Die Denkbewegung führt einen Text über eine kulturelle Schwelle, verändert seine Zeichen für den neuen Raum und fragt, welche Fremdheit dabei produktiv übersetzbar bleibt oder unsichtbar wird.

Denkbewegung

1. Ein Ausgangstext enthält zunächst Formen, Wissensbestände und Konventionen, die im Zielkontext nicht ohne Weiteres anschlussfähig sind. 2. Die Übersetzung bestimmt ihren Skopos und wählt Stellen, an denen Vertrautheit, Lesefluss oder funktionale Wirkung Vorrang erhalten sollen. 3. Kulturelle und sprachliche Elemente werden angepasst, ersetzt, erläutert oder in zielsprachliche Textmuster überführt und dadurch leichter zugänglich. 4. Die Gegenprobe vergleicht Verluste und Gewinne und trennt Domestizierung von notwendiger Grammatik, Fehler, freier Bearbeitung und vollständiger Transkreation. 5. Der Text tritt im Zielraum vertrauter auf, trägt aber eine veränderte Differenz; Übersetzung wird als Entscheidung über Sichtbarkeit von Fremdheit erkennbar.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Übersetzungswissenschaft und Korpusforschung vergleichen Ausgangs- und Zieltexte, Paratexte, Skopos und Rezeptionsdaten. Sie kartieren kulturelle Substitutionen, Explikitation und Normen verschiedener Epochen und Genres.

Beispiel

Ein kulturspezifischer Vergleich wird durch einen vertrauten zielsprachlichen Vergleich ersetzt. Eine für das Ausgangspublikum selbstverständliche Maßeinheit wird in einer Gebrauchsanweisung in die lokal übliche Einheit umgerechnet, damit die gleiche Handlung sicher ausgeführt werden kann.

Gegenbeispiel

Eine weitgehend formnahe Übertragung, die Fremdheit sichtbar hält. Eine Übersetzerin verändert lediglich die Wortstellung, weil die Zielsprache grammatisch eine andere Reihenfolge verlangt. Unvermeidliche strukturelle Anpassung allein ist noch keine kulturelle Domestizierungsstrategie.

Abgrenzung

Von Verfremdung oder Foreignization, Exotisierung, Lokalisierung, Adaptation, Äquivalenz, Skopos, Transkreation und grammatisch notwendiger Anpassung unterscheiden; Eingriffsebene, Zweck und Machtwirkung dokumentieren.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Domestizierung kann Zugang und funktionale Wirksamkeit erhöhen, aber die Zielkultur als unsichtbare Norm setzen, historische Differenz glätten und asymmetrische kulturelle Übersetzungswege verstärken.

Resonanz

Ein Text betritt einen neuen Sprachraum in vertrauterer Gestalt; die entscheidende Frage ist, welche fremde Stimme darin weiterhin hörbar bleibt.

Etymologie

Zu lateinisch domesticus ›häuslich, zum Haus gehörig‹; in der Übersetzungstheorie metaphorisch für Anpassung an die Zielkultur.

Provenienz

Schleiermachers Übersetzungsrichtungen → Venutis foreignization/domestication → ethische Übersetzungsdebatte

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Domestizierung“. Atlas der Sprache, AT-103-025. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-025

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-025

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Historischer Hintergrund

In der neueren Translationswissenschaft wird Domestizierung vor allem mit Lawrence Venutis Gegenüberstellung domesticating und foreignizing translation verbunden. Die gelesene Forschung beschreibt Domestizierung als Annäherung des fremden Textes an Werte, Konventionen und Lesbarkeit der Zielkultur; in Venutis Kritik kann gerade die erwünschte Flüssigkeit den Übersetzer und die Fremdheit des Ausgangstextes unsichtbar machen. Spätere Diskussionen warnen jedoch vor einer starren Zweiteilung: dieselbe Entscheidung kann in ihrem historischen Kontext zugleich anpassen und irritieren. Damit ist eine englische Theoriegeschichte seit 1995 begrenzt belegt; die eigenständige deutsche Rezeptions- und Benennungsgeschichte bleibt offen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Domestizierung ist nicht mit jeder verständlichen Übersetzung gleichzusetzen. Zu prüfen ist, welche kulturelle oder sprachliche Differenz für welches Zielpublikum geglättet wird und welche Wirkung dadurch unsichtbar bleibt.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.